»Angät yätäsärraw? Zuro lämayät näw.«
» Wofür ist der Hals da? Damit wir uns umsehen.«

Äthiopisches Sprichwort

Äthiopien

yä-Ityop̣p̣əya Federalawi Dimokrasiyawi Ripäblik

Demokratische Bundesrepublik Äthiopien

03:24 h | 21 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl
91.729.000 (13)

Bevölkerungsdichte
81 je km²

Fläche
1.133.380 km² (Weltrang 26)

Hauptstadt
Addis Abeba

Staatsform
Parlamentarische Bundesrepublik

Hauptsprache
Amharisch

Währung
Birr (Br)

Nationalfeiertag
28. Mai

Flugdauer
5.342,75 km ≈ 7 Std.

Entfernung über Land
7.752 km

Größter See
Tanasee, mehr als 3.000 km²

Höchster Berg
Ras Dashen, 4550 m

Human Development Index (2012)
173

Analphabetismus
65% der Erwachsenen

Unterernährungsrate
49% der Bevölkerung sind unterernährt

Zugang zu sauberem Trinkwasser
50% der Menschen

Dies und Das

Natur

Äthiopien wird nicht zu Unrecht das „Dach Afrikas“ genannt. Etwa die Hälfte des Landes liegt über 1200 m über dem Meeresspiegel, ein Viertel sogar über 2000 m. Die höchste Erhebung, der Ras Dashen, erreicht 4550 m. Tiefe Täler zerteilen das große Land, das eine unglaubliche Vielfalt an landschaftlichen Formen aufweist, vom Hochgebirge mit alpiner Fauna und Flora bis zur Savanne mit Elefanten und Giraffen, vom tropischen Urwald bis zur öden Salzsteppe. Äthiopien hat 12 Nationalparks und Naturschutzgebiete.

Tiere

In ganz Äthiopien vertreten: der Gureza-Affe © K. Hildemann

In Äthiopien lassen sich 242 beschriebene Arten von Landsäugetieren und 857 Vogelarten finden. Davon sind jeweils 28 Arten endemisch – d.h. sie kommen ausschließlich in Äthiopien vor. Die wesentlichen Lebensräume sind das Hochland, die Landschaft des Grabenbruchs mit seinen Seen und das Tiefland sowie die Savannen der Randgebiete im Süden und Osten.

Zwölf Nationalparks und Schutzgebiete bilden die wichtigsten Ökotope zur Erhaltung der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt Äthiopiens. Allerdings sind die Parks und Schutzgebiete infolge der Bürgerkriege in keinem guten Zustand und müssen erst wieder aufgebaut werden.

Essen

Das Hauptnahrungsmittel Äthiopiens, vor allem im Hochland, ist die injera, ein aus Tef (Samen grasartigen Hirse) zubereiteter Fladen. In die Mitte des Fladenberges werden dann die verschiedenen wohlschmeckenden, wenn auch meist sehr scharfen, Saucen (wot, alicha, shi ro) getan. Jeder reißt ein Stück des Fladens ab, wickelt Fleisch oder Gemüse darin ein oder tunkt Soße auf und isst es. Getrunken wird zum Essen entweder Wasser oder talla, ein aus Gerste gebrautes dunkles Bier, das mit Blättern des Gesho-Baumes fermentiert wird und einen säuerlichen Geschmack hat.

Wirtschaft

80% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, deren Entwicklungsniveau als sehr niedrig einzustufen ist, 57% des Bruttoinlandsprodukts werden in diesem Sektor erwirtschaftet und 60% der Exporterlöse entfallen auf gerade mal ein landwirtschaftliches Produkt: Kaffee. Es herrscht Subsistenzwirtschaft vor, d. h., es wird ausschließlich für den eigenen Verbrauch und kaum für einen Markt produziert.

Reisezeit

„Winter“ (krempt) ist die große Regenzeit von Ende Juni bis Ende August/Anfang September. Der „Frühling“ (tsedey) beginnt im September, es wird zunehmend sonniger und wärmer. „Sommer“ (bega) herrscht im Februar und März, der heißeste Monat ist in der Regel aber der Mai. Die kleine Regenzeit (belg) von Ende März bis Anfang Juni kann nur mit Vorbehalt als „Herbst“ bezeichnet werden, es ist zwar feucht, aber auch sehr warm.

© P. Hildemann

Religion

41% Orthodoxe, 35% Muslime (Sunniten), 20% Protestanten (Pfingstler, Mekane Yesus, Kale Hiwot u.a.), indigene Religionen, Minderheiten von Katholiken, Hindus und Sikhs

Felsenkirchen

Man schätzt die Zahl der Felsenkirchen im äthiopischen Hochland auf etwa 150, wobei sicher noch nicht alle den Wissenschaftlern bekannt sind. Diese Bauweise war offensichtlich auf das äthiopische Mittelalter beschränkt, alle bekannten Kirchen sind spätestens bis zum 15. Jh. errichtet worden. Die bemerkenswertesten Felsenkirchen sind jene, bei denen die Räume nicht nur in die Fassade einer Felswand getrieben wurden, sondern dieser Block anschließend noch freigestellt wurde, also ein echtes Gebäude im Fels entstand.

Tipps

Die wichtigsten Floskeln

awo
Ja.

ay
Nein.

mïnïnäw, yïhe?
Was ist das hier?

Ïschschi
Ok.

algäbañïm
Ich habe nicht verstanden.

ïrduñ!
Bitte helfen Sie mir!

… yet näw?
Wo ist …?

Kauderwelsch Amharisch, Band 102

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Visum: www.aethiopien-botschaft.de

Ethiopian Commission for Tourism (ETC): www.tourismethiopia.org

Deutsche Botschaft: www.addis-abeba.diplo.de

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de

Dos and Don’ts

Die linke Hand gilt als unrein und wird weder zum Essen als zur Begrüßung benutzt. Alles hat möglichst mit der rechten Hand zu geschehen, deshalb wäscht man sich vor und nach jeder Mahlzeit gründlich die Hände (und den Mund).

Bei der Begrüßung gibt man sich die rechte Hand, häufig greift die linke den Unterarm noch dazu. Diese unterstützende Geste wird auch gemacht, wenn man etwas gereicht bekommt. Sie steht traditionell dafür, dass der andere auf diese Weise keine Waffe benutzen kann. Gleichzeitig ist sie auch in heutiger Zeit ein Zeichen von Hochachtung und Höflichkeit.

Sollten Sie einer Einladung gefolgt sein, essen Sie der Höflichkeit halber zumindest eine Kleinigkeit, auch wenn das Essen Ihnen nicht zusagt. Ansonsten fühlt sich der Gastgeber in seiner Gastfreundschaft nicht gewürdigt. Versuchen Sie aber auch nicht, den Teller ganz leer zu essen, denn das zeigt, dass Sie noch nicht satt sind.

Bei der Kontaktaufnahme zu einer Gruppe begrüßt man zunächst die älteste Person. Ältere Menschen gelten als weise und werden respektvoll behandelt.

Exkurs: Kaffeezeremonie

Berühmt ist Äthiopien für seinen Kaffee (buna), der seine Urheimat im südlichen Hochland Äthiopiens, in der Provinz Kaffa, haben soll. Zunächst wurden die frischen oder getrockneten Kaffeekirschen, meist mit Butter vermischt, gekaut oder aber die getrockneten Kaffeeblätter

wie Tee aufgebrüht (was heute noch in der Gegend von Harar üblich ist). Erst im 13. Jh. wurde der geröstete und zerstampfte Kaffee aufgebrüht. Im 14. Jh. wurde die Kaffeebohne von Kaffa nach Jemen gebracht und dort qah wa benannt, wovon unser Wort „Kaffee“ stammt. Ob es sich dabei um eine Ableitung von „Kaffa“ handelt, ist ungeklärt; „qahwa“ hingegen bedeutet „der berauschende (Trank)“ und ist ein altes arabisches Wort für Wein. Vom jemenitischen Hafen Al-Mukha stammt übrigens unser Wort „Mokka“ ab.

Bei der Kaffeezeremonie setzt sich die Gastgeberin (es sind immer die Frauen, die dazu einladen) auf einen niedrigen Schemel an einen Platz, der mit frisch geschnittenem Gras bestreut ist.

Dann werden zuerst die guten getrockneten Kaffeebohnen ausgewählt, gewaschen und auf einer Eisenplatte über dem Feuer geröstet. Die Gastgeberin geht damit herum und bläst den Duft der frisch gerösteten Bohnen dem Gast ins Gesicht, der die Köchin zu preisen hat. Die gerösteten Bohnen werden sodann in einem Mörser gestampft und schließlich in einem jabana genannten kugeligen Topf mit langer Tülle dreimal aufgekocht, womit erreicht wird, dass sich der Kaffeesatz absetzt. Bis zu dreimal wird derselbe Kaffee aufgebrüht und pur, mit Salz oder heutzutage meist mit Zucker in kleinen Tassen serviert. Zum Kaffee wird ein „Snack“ gereicht, geröstetes Getreide (kollo) oder Kichererbsen

bzw. dicke Bohnen, Pop Corn, ein Stück injera mit berberee oder äthiopisches Brot, dabo. Nach der dritten Tasse hat der Gast sich zu verabschieden. Übrigens war den Christen das Kaffeetrinken lange als islamische Unsitte verboten und hat sich erst nach 1880 allgemein durchgesetzt.

Exkurs: Rastafaris in Äthiopien

Die Bewegung der Rastafaris (bekannt vor allem durch Bob Marley) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts auf Jamaika begründet. Der farbige Prediger Marcus Garvey, 1887 dort geboren, hatte 1916 in den USA die Universal Negro Improvement Association (UNIA) gegründet. Sein Ziel war es, einen neuen schwarzen Staat in Afrika für die Nachkommen der nach Amerika verschleppten Sklaven zu gründen. Die Bewegung erlangte großen Einfluss, Garvey wurde inoffiziell zum „ersten provisorischen Präsidenten Afrikas“ ernannt und verhandelte mit dem Völkerbund, um in den ehemaligen deutschen Kolonien ein „Empire of Africa“ zu gründen. 1919 wurde die „Black Star Line“ als Schifffahrtsgesellschaft gegründet, die schwarze Amerikaner zurück nach Afrika bringen sollte. Im Zusammenhang mit Aktienverkäufen dieser Linie, die nur von Schwarzen erworben werden durften, wurde eine Betrugsanklage gegen Spitzenfunktionäre der UNIA erhoben, Garvey wurde verhaftet und nach Jamaika ausgewiesen. Bemühungen, seine Bewegung dort neu zu beleben, scheiterten, Garvey ging nach England, wo er 1935 verstarb.

Paradoxerweise hat sich Garvey stets von einer Bewegung und einer ihm in den Mund gelegten Aussage dis tan ziert, als deren Urheber er dennoch gilt: „Seht nach Afrika, dort wird ein schwarzer König gekrönt werden, durch ihn wird der Tag der Befreiung kommen.“ Die Bewegung der „Holy Piby“, einer Schriftensammlung mystisch-religiöser Texte, die eine Vorherrschaft der Schwarzen als gottgewollt darstellte, nahm diese Prophezeiung auf. Diese Texte waren von afroamerikanischen Geistlichen in Jamaika auf St. Thomas in den 1920er Jahren zusammengestellt und verbreitet worden.

Als 1930 der Regent Ras Tafari Makonnen zum Kaiser von Äthiopien gekrönt wurde (unter dem Namen Haile Selassie), sahen die Anhänger der Holy Piby in ihm den von ihren Führern prophezeiten schwarzen König, der die schwarze Rasse befreien wird. Der Prediger Leonard Howell lehrte, Haile Selassie sei Gott, Afrika die Heimat der Schwarzen, die aus der Diaspora zurückgeführt werden müssten, das „babylonische System“ der Weißen müsse zugrunde gehen und die überlegene schwarze Rasse herrschen. Die Gleichsetzung der Schwarzen mit den nach Babylon verschleppten Juden und von Haile Selassie mit dem verheißenden Messias ging einher mit der Feststellung, die „weiße Bibel“ sei eine Fälschung, die wieder auf ihren schwarzen Kern zurückgeführt werden müsse.

Howell formte diese Vorstellungen zu einer religiösen Heilslehre, die in den Ghettos große Verbreitung fand. Die Anhänger befolgten bestimmte Speisevorschriften (Verbot von Schweinefleisch, Alkohol, Schalentieren, schuppenlosem Fisch und Salz), sammelten sich zum Niyabingi genannten Gottesdienst, bei dem das Rauchen von „wisdom weed“ (Marihuana) Bestandteil der Kommunikation ist, sie redeten sich alle in der ersten Person an.

Von der Polizei verfolgt, zogen sich viele Rastas in die Berge zurück, wo sie keine Steuern zahlten, von eigener Landwirtschaft lebten, auch Marihuana (Ganja) anbauten und die Haare als Bekenntnis zur afrikanischen Identität in Dreadlocks wachsen ließen. Howell verkündete schließlich, selbst Gott zu sein; 1954 wurde sein Camp von der Polizei gestürmt und er in eine Irrenanstalt eingeliefert. Die Bewegung bestand jedoch weiter, für den 5. Oktober 1959 prophezeite einer ihrer Führer die definitive Abreise nach Afrika, zu der Tausende Anhänger ihre Habe verkauften, um dann obdachlos die Verhaftung ihres Propheten zu erleben. Nach einer Reihe bewaffneter Zwischenfälle zwischen Polizei und Rastas nahm sich der Politiker Norman Manley der Bewegung an. Er trat mit Kaiser Haile Selassie in Verbindung, um Möglichkeiten einer Umsiedlung zu erkunden. Der Kaiser war aber nur an qualifizierten Fachleuten interessiert.

Als der Kaiser 1966 Jamaika besuchte, wurde er begeistert empfangen; das plötzliche Aufklaren des wolkenverhangenen Himmels bei seiner Ankunft interpretierten die Rastas als ein Wunderzeichen. Angeblich übergab er bei diesem Besuch eine geheime Botschaft an die Rastas: „Liberation before emigration“ – zuerst die Beseitigung des „babylonischen Systems“ in Jamaika, dann die Heimkehr ins gelobte Land. Dennoch kamen einige Auswanderer nach Äthiopien, die vom Kaiser und noch in den 1970er Jahren im Gebiet um Sha shemene angesiedelt wurden. Das gelobte Land erwies sich aber als Enttäuschung. Heute sind die Rastafaris eine in Äthiopien kaum beachtete Minderheit, die als verarmte Bauern dahinlebt.

Rastafaris aus aller Welt kommen immer noch zu Besuch nach Äthiopien, besonders um die Zeit des Geburtstages von Haile Selassie (23. Juli), der selbst nie eine Beziehung zu der Bewegung hatte. Die vom Rastafarismus ins pirierte Reggae-Musik hat einige Elemente des äthiopischen Kaisertums entlehnt, so die Farben Grün-Gelb-Rot, die als die Farben Afrikas interpretiert werden (die jamaikanische Flagge führt Grün-Gelb- Schwarz), den Löwen und den Titel Ras.

Alle Texte: Reiseführer Äthiopien von Katrin Hildemann und Martin Fitzenreiter
Titelbild: P. Hildemann