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»Iss, trink, hab Spaß!
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Indische Lebensmaxime

Indien

Republic of India
Republik Indien

12:14 h | 13 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl:
1.236.687.000 (2)

Bevölkerungsdichte:
376 pro km²

Fläche:
3.287.263 km² (Weltrang 7)

Hauptstadt:
New Dehli/ Neu Dehli

Staatsform:
Parlamentarische Bundesrepublik

Hauptsprachen:
Hindi und Englisch

Währung:
Indische Rupie (IR)

Nationalfeiertag:
15.08.

Internationale Ankünfte/Touristen:
6.309.000

Flugdauer:
6124,08 km ≈  7,5 Std.

Entfernung über Land:
8.360 km

Regionale Amtssprachen:
21

Pir-Panjal-Tunnel:
11.215 m

Ältestes produziertes Motorrad:
Royal Enfield – 1901 die erste Maschine

Weltkultur- und Weltnaturerbestätten:
28

Höchster Berg:
Kanchenjunga (8 598 m)

Längster Fluss:
Ganges (2 506 km)

Größter gemessener Indischer Elefant
3,43 m Schulterhöhe

Dies und Das

Bevölkerung

Rainer Krack

Mit inzwischen 386 Menschen pro Quadratkilometer ist Indien eines der am dichtesten bevölkerten Länder dieser Erde, wobei es jedoch auffällige regionale Unterschiede gibt. Wie seit alters her, ist das fruchtbare Ganges- Tiefland zwischen Delhi und Kalkutta am dichtesten besiedelt. Hier drängelt sich etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung, während sich in den abgelegenen Nordost-Provinzen gerade mal um die 20 Einwohner pro Quadratkilometer verlieren.

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Besonders zukunftsweisend ist die demografische Zusammensetzung der indischen Gesellschaft. 50 % der Inder sind unter 25, 65 % sogar unter 35 Jahre alt. Bei der gerade unter den städtischen Jugendlichen zu beobachtenden zunehmenden Verwestlichung und der damit einhergehenden Auflösung traditioneller Werte, welche bisher die enormen kulturellen und sozialen Gegensätze der indischen Gesellschaft nur bedingt haben zum Ausbruch kommen lassen, steht die indische Gesellschaft vor einem tief greifenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Umbruch.

Natur

Nur auf eine sprachliche Kuriosität ist es zurückzuführen, dass knapp 10 % der indischen Landesfläche offiziell als Dschungel klassifiziert werden. Das Wort Dschungel leitet sich von dem Hindiwort jangal ab und bedeutet auch in anderen indischen Sprachen ganz allgemein Wald. In Indien ist also jeder Wald ein jangal. Dschungel, wie man ihn aus historischen Reiseberichten oder den literarischen Werken Rudyard Kiplings kennt, mit Baumriesen, Schlingpflanzen, dichtem Unterholz und Wegelosigkeit gehört jedoch in Indien inzwischen fast der Vergangenheit an. Nur in den feuchten Regenwaldzonen der West-Ghats und den Grenzgebieten des Nordostens, vor allem in Assam, gibt es noch Überreste.

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Dichter Wald ist in den Mittelgebirgszügen der Vindhyas bis hin nach Orissa erhalten geblieben. Insgesamt knapp 1.200 Baumarten kommen in Indien vor. Ein Blickfang ist der weit ausladende, dicht belaubte und bis zu 30 m hohe Regenbaum. Wegen seines riesigen Wuchses und der jährlich zweimal erscheinenden Blüten gehört er zu den beliebtesten Zierbäumen an Straßen, Märkten und Plätzen. Einer der wohl bekanntesten Bäume Indiens ist der Bodhi (Pipal-Baum, Ficus religiosus). Unter einem Exemplar dieser Art soll der Prinzensohn Siddharta Gautama nach siebentägiger Meditation zum Buddha, d.h. zum Erleuchteten, gereift sein. Seither gilt der Baum allen Buddhisten als heilig.

Tiere

Indien zählt weltweit zu einem der vorbildlichsten Länder auf dem Gebiet des Tierschutzes. Indiens Tierwelt ist sehr artenreich, auf 2,2 % der Landmasse der Erde sind 8 % aller Säugetiere, 14 % aller Vogelarten und 9 % aller Reptilienarten beheimatet. Nach Schätzungen gibt es in Indien inzwischen wieder 22.000 Elefanten, von denen die meisten in Nationalparks leben. Ob der Tiger, von dem es noch etwa 1.500 Exemplare in Indien geben soll, vor dem Aussterben gerettet werden kann, bleibt fraglich. Auch vom Indischen Löwen, der früher ganz Indien bevölkerte, leben derzeit nur noch 250 Exemplare im Gir-Nationalpark im Bundesstaat Gujarat. Der Gepard gilt seit 1952 als ausgestorben. Vom Panzernashorm gibt es weltweit etwa wieder 1.500 der beeindruckenden Tiere, von denen etwa 70 % in Terai im Süden Nepals und im Kaziranga-Nationalpark in Assam beheimatet sind.Die Zahl der Schlangenarten liegt bei 230, davon sind 55 giftig. Die Tigerpython ist mit bis zu sechs Metern Länge die größte Schlange Indiens

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Vogelliebhaber kommen in Indien voll auf ihre Kosten, beherbergt der indische Subkontinent doch über 1.200 Brutvogelarten, von denen 176 endemisch sind, also nur hier und nirgends sonst auf der Welt vorkommen. Rechnet man noch die im Winter aus dem nördlichen und mittleren Asien einfliegenden Zugvögel hinzu, so können ingesamt mehr als 2.000 Vogelarten nachgewiesen werden. Besonders häufig sind Eulen, Spechte, Nashorn und Nektarvögel, Kuckucke, Reiher, Störche und Kraniche. Der indische Nationalvogel ist der Pfau.

Essen

Rainer Krack

Die indische Küche ist berühmt für ihre ganz spezielle und kreative Würze. Was in Europa allgemein als „Curry“ bekannt ist, mixt ein indischer Koch aus etwa 25 Gewürzen. Häufig verwendet werden Kardamom, Zimt, Ingwer, Koriander, geriebener Chili und Nelken. Dabei ist die Küche regional sehr verschieden. Während in Südindien die Speisen ziemlich stark gewürzt und scharf sind und zumeist Reis als Grundlage haben, wird in Nordindien nur mäßig gewürzt und zu den Gemüse- und Fleischgerichten mehr Brot gegessen. Die Inder sind beileibe nicht alle Vegetarier, und gerade in Nordindien isst man häufig Huhn und Hammelfleisch, üppig mit Öl und Ghi (geklärte Butter) zubereitet. Ein Genuss ist das oft zähe Fleisch dennoch nicht, so manches Hühnchen scheint seinen Tod in der Magersucht gefunden zu haben. Wer sich in Indien fleischlos ernährt, ist bestens bedient, zumal es eine große Auswahl an leckeren vegetarischen Gerichten gibt. In den Städten findet man einfache Restaurants beinahe an jeder Straßenecke, wo man für wenig Geld ein ordentliches Essen bekommt. Die besseren Restaurants halten eine Auswahl an westlichen Speisen bereit.

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Eine kleine Auswahl von Gerichten:

AIu Gobhi: Gemüsegericht aus Kartoffeln (Alu) und Blumenkohl (Gobhi).

Biryani: Reisgericht mit Gemüse (Vegetable Biryani) oder mit Huhn (Chicken Biryani). Manchmal mit Nüssen und Trockenfrüchten gemischt.

Chapati: Dünnes, knuspriges Fladenbrot.

Masala Dosa: Südindisches knuspriges Teiggericht mit Gemüsefüllung und Chutney (gepökeltes  Gemüse oder Früchte).

Mattar Paneer: Gemüsegericht mit Erbsen (Mattar) und Käsestückchen (Paneer).

Raita: Joghurt (Curd), gewürzt mit Tomatenoder Gurkenstücken. Eine Beilage.

Samosa: Dreieckig geformte und frittierte Teigtasche, gefüllt mit schmackhaft gewürztem Gemüse. Ein Snack.

Wirtschaft

12 % der arbeitenden Bevölkerung Indiens sind in der Industrie beschäftigt. Hauptzweige stellen Maschinenbau, Eisen- und Stahlproduktion sowie die Herstellung von Nahrungsmitteln und Bekleidung dar. Zu den Wachstumsbranchen zählen die Kfz-Industrie, die Telekommunikationsindustrie und die vor allem im Großraum Bangalore angesiedelte Software-Industrie. Der Hightech-Export trägt bereits einen beträchtlichen Teil zu Exporterlösen bei.

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Bei der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung des Landes werden vor allem einige der chronischen Strukturprobleme Indiens, wie beispielsweise das völlig veraltete und unzureichende Transportwesen und die mangelhafte Energieversorgung, gelöst werden müssen. Tatsächlich hat die indische Regierung ein gewaltiges Investitionsprogramm zum Aus- und Neubau von Autobahnen und Flughäfen in Gang gesetzt. In den letzten Jahren hat man die Großstädte mit zum Teil sechsspurigen Autobahnen miteinander verbunden. Das gleiche gilt für die Modernisierung der Energiewirtschaft.

Reisezeit

Analog zur geografischen Aufteilung Indiens lässt sich das Land klimatisch in verschiedene Bereiche untergliedern. Auf dem gesamten Subkontinent südlich des Himalaya gibt es keinen Wechsel der Jahreszeiten wie in unseren Breiten, sondern das subtropische Klima wird ausschließlich von der Regenzeit (Monsun) bzw. der Trockenzeit bestimmt. D.h., man unterscheidet nur zwischen der „heißen“, der „kühlen“ und der „nassen“ Jahreszeit. Die Hitze baut sich im Februar und März auf. Im April oder Mai wird es schon sehr heiß, sodass die Temperatur z.B. in Rajasthan auf 45 °C klettert. Während dieser Monate ist das Land öde und liegt unter einer dicken Staubschicht.

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Wenn der Süd-West-Monsun Anfang Juni endlich im südlichen Teil Indiens einsetzt und langsam über den Subkontinent hochzieht, atmen Natur und Menschen auf. Anfang Juli haben die Regengüsse dann das ganze Land überzogen. Während dieser etwa bis Oktober dauernden Monsunzeit schüttet es Wasser wie aus Kübeln vom Himmel. Das heißt aber nicht, dass es den ganzen Tag über regnet. Wenn Anfang Oktober die ersten Gipfel im Himalaya einschneien, wird auch im Flachland das Klima etwas kühler, und der Regen hört auf. Die Temperaturen sind dann angenehm, das ganze Land zeigt sich in sattem Grün – dies ist die beste Jahreszeit für eine Reise durch Indien.

Religion

Thomas Barkemeier

80 % Hindus, 13 % Muslime, 2,3 % Chruisten, 1,9 % Sikhs, 1 % Buddhisten, Dschainas, Bahai, Parsen usw.

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Englisch und Hindi sind die beiden Landessprachen. Daneben gibt es weitere 21 anerkannte Sprachen, die in den einzelnen Bundesstaaten in der Verwaltung und im Erziehungswesen benutzt werden, sowie etwa 200 kleinere Sprachen und Dialekte. Hindi wird von rund 50 % der Bevölkerung gesprochen, vor allem in Nordindien.

 

Guten Tag, Hallo! – Namaste

Danke! – shukriya, dhanyawad

Ja/Nein – han/nahi

Wie teuer? – kitne paise?

Das ist teuer. – yeh bahut mehnga hai.

Wo ist ein Hotel? – hotal kahan hai?

Wie weit ist …? – … kitne dur hai?

Wie komme ich nach …? – … kojane ke liye kaise jana parega?

Wie heißen Sie? – apka shubh nam?

 

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Visum: www.indianembassy.de oder www.in.de.coxandkings.com

Fremdenverkehrsamt: www.india-tourism.de

Deutsche Botschaft: http://www.india.diplo.de

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de | www.bmf.gv.at | www.ezv.admin.ch

Dos and Don’ts

Lächeln: Der erste Eindruck ist bekanntlich immer der wichtigste, und da wirkt nichts erfrischender und einnehmender als ein freundliches Lächeln. Gerade in so einem kommunikativen Land wie Indien ist es von unschätzbarem Wert, eine angenehme Atmosphäre zu verbreiten. Wer erst einmal die Herzen der Menschen durch ein fröhliches Auftreten geöffnet hat, dem öffnen sich auch viele sonst verschlossene Türen.
Zärtlichkeiten: Küsse oder weitergehende Berührungen vor fremden Blicken sollten im prüden Indien möglichst unterlassen werden.
Begüßungen: Zur traditionellen indischen Begrüßung legt man die Hände etwa in Brusthöhe senkrecht aneinander und sagt dabei in Verbindung mit einem leichten Kopfneigen „Namasté“, eine sehr schöne und anmutige Geste, die ähnlich auch in vielen anderen asiatischen Ländern praktiziert wird. Linke Hand: Da in Indien traditionell kein Toilettenpapier benutzt wird, sondern zu diesem Zweck die unbewaffnete linke Hand und ein Krug Wasser dienen, gilt links als unrein. So sollte man nie Gegenstände wie etwa Geschenke mit der Linken überreichen bzw. entgegennehmen. Verstärkt gilt das Gebot „Right Hand Only“ selbstverständlich beim Essen. Die Linke bleibt während des gesamten Essens möglichst unter der Tischkante.
Füße: Ebenso wie die linke Hand gelten auch die Füße und Schuhe als unrein. Fußsohlen sollte man nicht auf Menschen oder heilige Stätten richten, Schuhe vor dem Betreten eines Raumes ausziehen.
Ja und nein: Die Geste für Ja sieht unserem Nein sehr ähnlich, allerdings wird der Kopf dabei eher locker von einer Schulter zur anderen geschlenkert. Das recht ähnliche Nein wird durch ein seitliches Zucken des Kopfes nach links und rechts ausgedrückt, häufig unterstützt durch abfälliges Schnalzen oder eine abfällige Handbewegung.

Exkurs: Der Kaschmir-Konflikt

Der Bundesstaat Kaschmir ist für die Regierung in Delhi seit Beginn der indischen Unabhängigkeit ein ständiger Konfliktherd. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft sollten sich die einzelnen Landesherrscher für den Anschluss ihrer Staaten entweder an die Indische Union oder ans islamische Pakistan entscheiden. Außer bei Kaschmir ging das reibungslos vonstatten.
Das Problem des an Pakistan grenzenden Himalaya-Staates Jammu-Kaschmir war folgendes: Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung Moslems waren, wurde Jammu-Kaschmir von einem Hindu-Maharaja regiert – der sich für keine Option entscheiden konnte. Nachdem pakistanische Moslems in Srinagar eingefallen waren, proklamierte der Maharaja den Anschluss an Indien – was Pakistan nicht akzeptieren wollte. Der erste Kaschmir- Krieg zwischen Pakistan und Indien brach aus. 1948 legten die UN eine Demarkationslinie fest: Der Bergstaat Kaschmir wurde damit in einen indisch und einen pakistanisch besetzten Teil gespalten. Dennoch sollten zwischen den beiden Ländern zwei weitere Kriege in den Jahren 1965 und 1971 folgen.
Immer wieder ist Srinagar ein Unruheherd. Militante Moslems sickern von Pakistan über die indische Grenze ein, um in einem Guerillakrieg den Anschluss Kaschmirs an Pakistan zu erzwingen. Indien reagiert mit Gegenangriffen. 1999 herrschte weltweit wochenlang Anspannung, ob der Konflikt zwischen den beiden Atommächten eskalieren würde. Ende 2001 verübten mutmaßliche moslemische Extremisten einen Anschlag auf das Parlament in Neu Delhi, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen. Zigtausend Zivilisten und Soldaten haben in den Auseinandersetzungen um Kaschmir ihr Leben verloren.

Ganesha, steh mir bei! – oder vom Abenteuer des Gewöhnlichen

Es gehört zu den Charakteristika des Reisens, dass sich die Dinge des täglichen Lebens, die man im Heimatland wegen ihrer Banalität gar nicht mehr wahrnimmt, in der Fremde zu einer Herausforderung, ja einem echten Abenteuer entwickeln können. Dies gilt insbesondere für ein in seinen täglichen Lebensäußerungen derart extremes Land wie Indien.
Als ein Beispiel von vielen sei das Überqueren einer Straße genannt. In Mitteleuropa nichts einfacher als das: Man positioniert sich an der Ampel, wartet auf Grün und geht los. In Indien ist alles anders. Zunächst einmal gibt es kaum Ampeln, die wenigen funktionieren so gut wie nie und selbst für den Fall, dass man eine intakte Ampel erwischt, hilft dies nichts, weil sich niemand danach richtet und bei Rot anhält. Doch ist dies nur der Beginn des Problems. Das Ignorieren jeglicher Verkehrsregeln im Neben- und Durcheinander von Fußgängern, Lastenträgern, Ochsenkarren, heiligen Kühen, Kamelen, Fahrradrikschas, Autorikschas, Scootern, PKWs und LKWs, dazu der ohrenbetäubende Lärm und die im wahrsten Sinne atemberaubende Luftverschmutzung, das alles bei 30 Grad Celsius und mehr lassen einen an das berühmte Zitat von Indien als „der einzig funktionierenden Anarchie der Erde“ denken.
Doch wie begegnet ein an Recht und Ordnung gewöhnter Mitteleuropäer diesem täglichen Chaos? Tatort Hyderabad. Die Lust auf ein kühles Getränk und Ruhe nach einem anstrengenden Recherchetag zieht den Autor in ein hübsches Café auf der anderen Straßenseite. Doch zwischen meinem Wunsch und dessen Erfüllung liegt die vierspurige Himayathnagar Road wie die Hölle vor dem Paradies. In der einzigen von allen akzeptierten Verkehrsregel Indiens, dem Recht des Stärkeren, rangieren Fußgänger auf der untersten Stufe und werden wie Freiwild behandelt. Selbst die Kühe sind besser dran, muss doch jener, der ein heiliges Tier überfährt, harte US Währung an den Besitzer und die Kosten für die Beseitigung zahlen. Shiva, der Gott der Zerstörung, hat hier eindeutig die Oberhoheit. „Rette sich wer kann“ ist das oberste Gebot des Fußgängers. Ich mache mir Mut mit der alten Weisheit, dass jede Reise mit dem ersten Schritt beginnt. Die Frage ist nur wie, angesicht der erbarmungslos an mir vorbeijagenden Meute. Die erste Verkehrsregel, die wir unseren Kindern beibringen, lautet: Schaue zuerst nach links, dann nach rechts, bevor Du die Straße betrittst. Doch da ist der erste Haken: In Indien herrscht Linksverkehr. Todesmutig setze ich meinen Fuß auf die Straße – und werde fast von der offen stehenden Tür eines der selbst in Indien für ihre rücksichtslose Fahrweise bekannten Privatbusse ins Jenseits befördert. Der nächste Versuch. Diesmal schaffe ich es bis zur Hälfte der einen Straßenseite, wobei ich wie eine Slalomstange von Scootern und PKWs umkurvt werde, die Zentimeter vor einer Berührung nach links oder rechts ausscheren. Dabei scheinen sie keine Miene zu verziehen, selbst wenn sie in letzter Sekunde einem riesigen, stinkenden LKW ausweichen müssen. Autofahren in Indien ist Millimeterarbeit und wenn ich nicht ständig um mein Leben fürchten müsste, würde ich diese Todesmutigen für ihre Akrobatik bewundern. Doch so habe ich ständig den Eindruck, dem Teufel soeben von der Schüppe gesprungen zu sein.

Aus: Indien der Süden von Thomas und Martin Barkemeier, Ladakh und Zanskar von Jutta Mattausch, Kauderwelsch Hindi Wort für Wort von Rainer Krack.

Titelbild: Martin Barkemeier