»Es gibt dieses Irland: Wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.«
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, 1957

Irland
Éire (irisch)
Ireland (engl.)

18:18 h | 6 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl:
4.589.000

Bevölkerungsdichte:
65 pro km²

Fläche:
70.273 km2

Hauptstadt:
Dublin (ir. Baile Átha Cliath)

Staatsform:
Parlamentarische Republik

Hauptsprachen:
Irisch, Englisch

Währung:
Euro (EUR)

Nationalfeiertag:
17. März (St. Patrick’s Day)

Flugdauer:
1.087,97 km ≈ 1,5 Std.

Entfernung über Land:
1378 km

Höchster Berg:
Carrauntoohil, 1041 m

Längster Fluss:
Shannon, 358 km (auf 220 km schiffbar)

Bäume:
5 % der irischen Landmasse

Moore:
14 %  der irischen Landfläche

Steuer auf Plastiktüten:
0,24 € (seit 2002 – erstes Land)

Säuglingssterblichkeit:
0,4 % (weltweit geringster Wert)

Rothaarige Männer:
10% (Studie von 1940)

Pubdichte:
350 Einwohner pro Kneipe

Deutsche Touristen:
Fast 50% unter 35 Jahre

Dies und Das

Natur

Irland – auch die Grüne Insel genannt – erstreckt sich vor der Westküste Großbritanniens, von der britischen Insel durch die ca. 200 m tiefe und daher oft sehr raue Irische See getrennt. Entlang der Küste ragen Gebirgszüge auf und umschließen eine zentrale Kalksteintiefebene im Inselinnern. Hier ist das Landschaftsbild geprägt von Mooren, vielen kleineren und größeren Seen sowie dem ausgedehnten Flusssystem des Shannon, das ein Fünftel des Landes bedeckt.

 

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Bäume oder gar Wälder sieht man in Irland wenig. Wenngleich die Insel in grauer Vorzeit dicht bewaldet war, so haben Brandrodung und Kahlschlag über die Jahrhunderte hinweg ihre Spuren hinterlassen. Irland ist unter ökologischen Gesichtspunkten sicherlich das intakteste Land Europas – doch muss man mittlerweile fragen: Wie lange noch? Denn schenkt man Umfragen Glauben, so sind die Iren von allen Europäern innerhalb der EU am wenigsten am Umweltschutz interessiert.

Tiere

Nicht nur die Pflanzenvielfalt ist gering in Irland, nach der letzten Eiszeit blieben auch recht wenig Säugetiere auf der Insel zurück. Von den weltweit über 4000 vorkommenden Säugetieren zählt Europa 150 Arten, auf der Grünen Insel kommen jedoch nur 28 vor. Jedoch kann man hier gefiederte Freunde beobachten, die auf dem Kontinent nicht mehr oder nur noch in kleinen Populationen  vorkommen. Ein Fernglas gehört daher unbedingt ins Reisegepäck. Nach Schätzungen gibt es auf der Grünen Insel rund 200 Vogelarten sowie etwa weitere 180 Arten, die ab und an die Insel anfliegen. Vor der, über 3000 km langen, irischen Küste tummeln sich natürlich eine ganze Anzahl von Meeresbewohnern.

Essen

Die irische Küche ist – wie so vieles auf der Grünen Insel – vom großen Nachbarn Großbritannien beeinflusst und genoss lange Zeit keinen allzu guten Ruf. Dies hat sich aber gründlich geändert und bestimmte Gegenden der Insel haben sich geradezu zum Mekka für Feinschmecker entwickelt. Man findet viele kleine Betriebe, die sich auf gehobene Produkte aus regionalen Zutaten spezialisiert haben, z.B. Käse, Meeresfrüchte oder Brot. Auch viele Restaurants sind darauf bedacht, moderne irische Küche aus Zutaten der Region anzubieten.

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Fisch und Meeresfrüchte, während der Hungersnöte die Ausweichnahrung der Insulaner und von daher als reine Überlebensmahlzeiten mit dem Makel der Armut behaftet, sind seit einiger Zeit stark auf dem Vormarsch. Vor allem Lachs, aber auch Hummer und Krabben haben aufgrund des steigenden Tourismus ihren Siegeszug durch die Restaurants angetreten und kommen wegen der kurzen Entfernungen – kein Ort Irlands liegt mehr als 100 km vom Meer entfernt – nahezu fangfrisch auf den Tisch.

Beliebteste Hauptspeisen sind gepökeltes Schweinefleisch mit Kohl (bacon and cabbage) sowie alle Arten von Steaks und natürlich – da recht preisgünstig – der Irish Stew, ein nahrhafter Eintopf mit Kartoffeln, Lammfleisch und vielen Gemüsesorten.

Das irische Nationalgetränk ist natürlich das Guinness. Für die anderen Biersorten gilt: Lager ist dem deutschen Pils verwandt; Ale, ein dünnes, helles und bei Kontinentaleuropäern häufig verlachtes Bier und das in irischen Pubs seltene Bitter, dem deutschen Alt vergleichbar, sind die weiteren Biersorten auf der Grünen Insel.

Reisezeit:

Irlands Beiname „Grüne Insel“ kommt nicht von ungefähr. Die Einflüsse des Atlantischen Ozeans sowie des Golfstroms prägen das Wetter auf der Insel, das durch milde Winter und kühle Sommer bestimmt wird. Nahezu gleich mäßig geht Regen, an der Westküste mehr als im Landesinnern oder im Osten, das ganze Jahr über nieder. Die Temperaturen sind auf der gesamten Insel in etwa gleich, sie differieren zwischen dem äußersten Nordwesten und dem Südosten nur um etwa 3 °C.

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Der Januar ist im Südosten mit ca. 7 °C der kälteste Monat, im Juli und August steigt das Thermometer auf rund 16 °C (dies sind Tagesdurchschnittstemperaturen, keineswegs handelt es sich hierbei um Minimal- bzw. Maximaltemperaturen). Die sonnigsten und regenärmsten Monate sind Mai und Juni, und wer es einrichten kann, sollte seinen Irlandurlaub in dieser Zeit verbringen. Überall blüht gelb der Ginster, relativ wenig Regen mindert den Feriengenuss, nur wenig Besucher zieht es zu den landschaftlichen Höhepunkten, und überall erhält man problemlos Unterkunft.

Religion

83% Katholiken, 3% Anglikaner (Church of Ireland), 1% Muslime, 1% Orthodoxe, 7% religionslos oder ohne Angaben u.a.

Irische Musik

Im kulturellen Bereich ist es zuallererst die irische Musik, die die vielen Besucher der Grünen Insel interessiert – hat doch die Irish Folk Music längst ihren Siegeszug auch in Deutschland angetreten. Gleiches gilt für Rock-Musik irischer Provenienz, die regelmäßig an der oberen Spitze der Charts zu finden ist. Die klassische irische Musik ist zum einen eine reine Instrumentalmusik, die als Begleitung für Tänze gespielt wird, zum anderen ein zumeist unbegleiteter Gesang. Folk Music dagegen umfasst eine ganze Reihe von Musikstücken und Liedern, die aus  unterschiedlichen Epochen stammen, unterschiedliche Inhalte transportieren und sowohl in Gälisch als auch in Englisch gesungen werden. Eine klare Abgrenzung zu finden ist schwierig, aber wohl auch nicht nötig.

 

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Begleitet wird der Gesang vom Spiel auf den folgenden traditionellen Musikinstrumenten: die mehr als 40-saitige Harfe, der mit dem Ellbogen betriebene Dudelsack (Uillean pipes), Violine (Fiddle), Blechflöte (Tin whistle) und die Bódhran-Trommel, ein runder, mit Ziegenleder bespannter Holzrahmen; Gitarre, Banjo und Akkordeon vervollständigen ein Ensemble. Auch heute noch werden viele Lieder ohne Musikbegleitung vorgetragen.

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Laut Verfassung ist Gälisch die Nationalsprache, während Englisch als „eine zweite offizielle Sprache“ anerkannt wird.

Níl mórán Gaeilge agam.
Ich spreche kaum Irisch.

Ba mhaith Liom Gaeilge a fhoghlaim.
Ich möchte Irisch lernen.

Gabh mo leithscéal?
Wie bitte?

Ní thuigim. / Tuigim.
Ich verstehe nicht. / Ich verstehe.

Cén Ghaeilge atá ar „house“?
Wie heißt auf Irisch „house“?

Kleine Sprachhilfe
Kauderwelsch Irisch-Gälisch, Band 90

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Visum: www.embassyofireland.de | www.embassyofireland.at | www.embassyofireland.ch

Fremdenverkehrsamt: www.tourismireland.de  

Deutsche Botschaft: www.dublin.diplo.de

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de | www.bmf.gv.at | www.ezv.admin.ch

Exkurs: The Boglands – Europas letzte noch intakte Moorlandschaft

Zu über 14 % bedecken Moore die irische Landfläche, der dort gewonnene Torf wurde über die Jahrhunderte traditionell als Brennmaterial verfeuert. So sind die Boglands, die Moorgebiete, und der Peat, der Torf, ganz untrennbar mit der irischen Lebensweise verbunden.

Auch heute noch wird der Torf – vor allem im Nordwesten – mit der Hand gestochen, zum Trocknen auf dem Land verteilt und dann in kleinen Haufen am Straßenrand gestapelt. Zum Spätsommer hin bringt man die Soden dann in die heimische Miete. Zum Torfstechen verwendet man einen speziellen Spaten (gälisch: Sléan, Englisch: slane), der ein langes, schmales Blatt hat. Die getrockneten Torfstücke brennen im Kamin oder im Küchenherd – herb liegt dann der Geruch des Torffeuers über dem Cottage.

Die ausgedehnten Hochmoore (Raised bogs) entstanden dadurch, dass die Natur immer wieder Pflanzenreste übereinander häufte und festpresste. Diese Hochmoore sind an der Oberfläche mit Torfmoosen bedeckt, deren abgestorbene Teile eine Torfbasis bilden, die nach und nach immer dicker wird. Im Ersten Weltkrieg übrigens verwendete man das irische Torfmoos als desinfizierende Wundauflage.

Bei den Flachmooren (Blanket bogs) dagegen ist die Torfbasis nur wenig mehr als 2m tief. Diese – wie der englische Name schon sagt – Deckenmoore findet man hauptsächlich im gebirgigen Wes ten der Grünen Insel. Die Flachmoore allerdings beziehen ihre Feuchtigkeit in der Regel aus dem Grundwasser,  Hochmoore dagegen bilden sich dort, wo hohe Niederschlagsmengen vorkommen und das Regenwasser nicht durch einen porösen Untergrund versickern kann.

Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe von Zwischenformen, die sich entsprechend dem Untergrund, der Feuchtigkeitsintensität und dem Wasserabfluss bilden. Betrachtet man die irische Landschaft in dieser Hinsicht genauer, so muss man zwischen den Nieder- und Flachmooren des Westens, den Berg- Flachmooren, den Zwischenmooren, den Hochmooren der zentralen Ebene, dem Sumpfland ohne Torfbildung und der Berg- und Küstenheide unterscheiden.

Bis vor einigen Jahren lohnte sich ein industrieller Abbau der flachen Deckenmoore oder der in ungünstigen, gebirgigen Regionen liegenden Bogs nicht. Mittlerweile werden aber auch schon kleine und kleinste Moore mit modernen Torfabbaumaschinen leer geräumt. Der Staat nämlich gewährt dafür  großzügige Unterstützungsgelder. So werden die letzten intakten Moorgebiete Europas, die Refugien für seltene Pflanzen und Tiere, zunehmend schneller vernichtet.

Das vor über 60 Jahren gegründete Torfabbauunternehmen Bord na Móna stellt alljährlich mehr als vier Millionen Tonnen Brennstofftorf und rund eine Million Tonnen Düngetorf her. Der Brennstofftorf geht vor allem in die Kraftwerke, wo er der Elektrizitätsgewinnung dient, und spart dem irischen Staat die teuren Ölimporte, was sich wiederum günstig auf die Zahlungsbilanz auswirkt. Auf der anderen Seite verliert Irland mehr und mehr das Image von unberührter Natur und ökologisch intakten Landschaften.

In der EU-Zentrale in Brüssel überlegt man, ob Zuschüsse an lrland zukünftig mit der Auflage versehen werden, wenigstens einen Teil der Hochmoore unter Naturschutz zu stellen. Nach Untersuchungen der Mitarbeiter des Forest and Wildlife Service gibt es in einigen Grafschaften bereits keine intakten Moorgebiete mehr und pro Jahr verschwinden weitere acht Moore. Die Wissenschaftler verlangen, dass 48 Sumpflandschaften mit einer Größe von 28.000 ha unter staatlichen Schutz gestellt werden.

Was man mit den nun abgeräumten, einstigen Moorgebieten machen kann, ist den Agrarwissenschaftlern noch immer ein Rätsel. Einerseits hat man die Flächen mit schnell wachsendem Nutzholz aufgeforstet, andererseits versucht man, durch groß angelegte Drainageprojekte neues Farmland zu gewinnen. Doch haben die beiden Methoden bisher nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht.

Neben dem intensiven Torfabbau ist es vor allem das bei den Bauern beliebte Abbrennen von Heidelandschaften, was das ökologische Gleichgewicht weiter aus dem Tritt bringt. Diese „Brandrodung“ soll das Sprießen frischer Heidekrauttriebe verhindern sowie auch das Heidegestrüpp möglichst in Gänze vernichten. Die Farmer wenden diese Methode an, damit sich die Wolle der freilaufenden Schafe nicht in dem knorrigen Geäst verfängt. Seltene Pflanzen und Moose fallen dabei dem Feuer zum Opfer und die Lebensräume vieler Vögel, Insekten und Kleinnager gehen unwiederbringlich verloren.

In den ausgedehnten Sumpflandschaften wachsen vor allem Torfmoose, Heidekräuter und Riedgräser. Der botanisch erfahrene Besucher entdeckt das Gemeine Heidekraut (Calluna vuIgaris), die purpurn blühende Glockenheide (Erica tetralix), die vor allem in Hochmooren vorkommende Rosmarinheide (Andromeda polifolia), Beinbrech (Narthecium ossifragum) und das Schmalblättrige Wollgras (Eriophorum angustifolium), das mit seinen weißen Büscheln im Sommer leuchtend über den Mooren steht. Vier gelbe Blütenblätter zeigt von Mai bis September das Aufrechte Fingerkraut (Potentilla erecta), ebenfalls von Mai bis September blüht blau die Gemeine Kreuzblume (Polygala vulgaris), von Juni bis August erstrahlt das Sumpfherzblatt (Parnassia palustris) sowie der wilde Thymian (Thymus serpyllum).

Elf verschiedene Karnivoren-Arten, die so genannten fleischfressenden Pflanzen, kommen in den irischen Moorgebieten vor. Darunter sind beispielsweise der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia), das Gewöhnliche Fettkraut (Pinguicula vulgaris) und das Alpen-Fettkraut (Pinguicula alpina).

Exkurs: Die Kartoffel und die Große Hungersnot

Als sicher gilt, dass im Jahre 1577 dem englischen Freibeuter Sir Francis Drake in Peru die ersten Kartoffeln angeboten wurden. Elf Jahre später, 1588, spülten die Wellen aus einigen Wracks der geschlagenen Spanischen Armada die ersten Knollenfrüchte an die Küste Westirlands, und bereits um 1625 war die Kartoffel das Hauptnahrungsmittel auf der Grünen Insel. Die nahrhafte Knolle aus dem südamerikanischen Hochland entpuppte sich als ideale Feldfrucht für die lren. Da die Böden fast auf der gesamten Insel äußerst schlecht waren, die Engländer die Bevölkerung zudem in die unfruchtbarsten Gebiete abgedrängt hatten, konnte nur mit dieser genügsamen Knolle eine Nahrungsmittelsteigerung vorgenommen werden.

Die Kartoffel, Solanum tuberosum, wuchs ursprünglich in hohen Bergregionen, war an karge Böden, lange Nächte mit niedrigen Temperaturen und an trockene Zeiten gewöhnt. Auch im feuchten und kalten lrland mit seinen relativ langen Tagen und den armen Böden fand die Knolle ideale  Wachstumsbedingungen.

Hinzu kam, dass man für den Kartoffelanbau keinerlei Werkzeuge benötigte, denn notfalls reichten zum Ernten die eigenen Hände aus, die Feldfrucht musste nicht, wie beispielsweise das Getreide, gedroschen werden, ein Torffeuer und ein Wassertopf waren alles, um direkt eine nahrhafte Mahlzeit auf den Tisch zu bringen.

Schnell hatten die lren auch die effektivste und zeitsparendste Art herausgefunden, wie man die Knolle pflanzt: In einem Hügelbeet nämlich, das auf jedem beliebigen Boden anlegbar ist. Das Gelände muss nicht flach und eben sein, auch Steine stören nicht, und da sich das Beet selbst entwässert, ist ein Berghang ebenso geeignet wie eine sumpfige Region. Auf einen Streifen Land legt man irgendeinen Dünger, Seetang oder Torf, verteilt darauf die Knollen und gräbt rechts und links einen Graben, dessen Erde man über die Kartoffeln häuft – fertig ist das Hügelbeet.

Schon die Erträge eines halben Morgens reichten aus, eine Familie über das Jahr zu bringen, vorausgesetzt, dass zusätzlich Milch, ab und an Fleisch oder Fisch, Speck und Käse zur Verfügung standen. Des Weiteren war solch ein Hügelbeet gegen Frost immun, und wenn keine Lagermöglichkeiten vorhanden waren, diente es auch noch als Miete für die ausgewachsenen Knollen, die täglich nach Bedarf herausgeholt wurden und in den Kochtopf wanderten.

Da die lren ihre Felder also nicht beackerten, sondern die ausgegrabene Grasnarbe einfach umgekehrt auf die Knollen und den Dünger häuften, nannten die Engländer diese Beetanlage Lazy Bed und drückten damit ihre Verachtung gegenüber den „faulen“ Inselbewohnern aus. Die arroganten Briten wussten natürlich nicht, dass im peruanischen Hochland diese Hügelbeettechnik bereits vor Jahrhunderten entwickelt worden war und als besonders ideal für die Zucht von Kartoffeln galt.

Mit dem neuen Nahrungsmittel begann eine Bevölkerungsexplosion, die in Europa ihresgleichen suchte. 1660, rund 35 Jahre nach Einführung der Kartoffel, lebten 500.000 Iren auf der Grünen Insel, 28 Jahre später hatte sich die Bevölkerung auf 1,25 Mio. mehr als verdoppelt. Von 1760 dann bis zum Jahre 1840 wuchs die Bevölkerung von 1,5 Mio. auf 9 Mio. an – eine Steigerung von 600 % in nur 80 Jahren. (Eine schier unglaubliche Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass Irland heutzutage gerade einmal 3,5 Mio. Einwohner zählt.)

Ohne die Kartoffel hätte das Land maximal 5 Mio. Iren mit Nahrung versorgen können, das jedoch auch nur, wenn es einen organisierten Getreidehandel gegeben hätte, den man in jenen Tagen auf der Grünen Insel jedoch nicht kannte. Zudem waren in diesen Jahren die Preise für Weizen und Roggen sehr hoch, die armen lren hätten die hohen Forderungen gar nicht bezahlen können.

Da nun also ein ganzes Volk von einer einzigen Feldfrucht abhängig war, brachte eine Missernte die Bevölkerung in eine lebensbedrohliche Situation, und die irischen Chroniken berichten von schlimmen Zeiten: Zwischen 1724 und 1749 kam es fünfmal zu einem Ernteausfall, die Jahre zwischen 1750 und 1774 waren ebenfalls von fünf Missernten betroffen, in zwei Jahren war es gar so schlecht, dass man von einer Hungersnot sprach; Hilfsmaßnahmen wurden unternommen, und die wenigen Getreideexporte stellte man ein.

Zwischen 1775 und 1799 kam es wiederum in fünf Jahren zu Missernten und zwischen 1800 und 1824 forderten neun Hungerjahre ihren Tribut. Allein 1821 starben 250.000 Menschen aufgrund fehlender Nahrungsmittel sowie durch Cholera und Typhus. Zwischen 1829 und 1845, dem Jahr, in dem die Große Hungersnot begann, hatte es in einem Zeitraum von 17 Jahren nur fünf normale Ernten gegeben. Die irische Bevölkerung stand permanent am Rande des Hungertodes.

Wie kam es zu solcherart verheerenden Ernteausfällen? Wie jede andere Feldfrucht, so konnte auch die Kartoffel von Schädlingen befallen werden. Um das Jahr 1750 tauchte zum ersten Mal die Trockenfäule auf. Die eingelagerten, scheinbar gesunden Knollen wurden von einem Pilz, dem Fusarium caeruleum, befallen; die Kartoffeln trockneten aus, schrumpften zusammen und waren schließlich nur noch eine ungenießbare holzähnliche Masse. Man stelle sich das Entsetzen der Bauern vor, die im Juli/ August zufrieden ihre scheinbar gesunde Ernte einlagerten und dann um Weihnachten feststellten, dass sie bis zum nächsten Herbst nichts mehr zu essen hatten.

1770 kam zu diesem PiIzbefall die Kräuselkrankheit hinzu, die sich die folgenden 40 Jahre epidemisch ausbreitete. Hierbei handelte es sich um eine Virusinfektion, die von Blattläusen übertragen wurde. Der Virus verhinderte das Wachstum der Pflanzen, und ohne dass es erkennbar gewesen wäre, konnten bis zu 70 % eines Feldes infiziert sein. Auch hier muss das Entsetzen der Bauern groß gewesen sein, wenn sie auf scheinbar gesunden Acker ernten wollten.

1795 machte der Schimmelpilz Botrytis cinerea die Hoffnungen der Farmer zunichte; der Pilz schlug sich auf den Pflanzen nieder und entzog ihnen die Feuchtigkeit, so dass sie austrockneten und schrumpften.

Es sollte jedoch noch schlimmer kommen. 1833 trat die Schwarzfäule auf, deren Erreger erst die Blätter befiehl und dann die Knolle vernichtete; wenn kranke und gesunde Kartoffeln gemeinsam gelagert wurden, so steckten die infizierten Knollen auch die noch nicht befallenen Früchte an.

Die wahre Katastrophe aber, die Große Hungersnot der Jahre 1845–1851, verursachte die Braunfäule oder auch der so genannte Brand, ausgelöst durch den Pilz Phrytophthora infestans. Im Juni 1845 sichtete man diesen Kartoffelkiller erstmals auf der Isle of Wight, am 1. August waren bereits alle europäischen Länder betroffen, Irland selbstverständlich auch.

Wie bei den anderen Kartoffelkrankheiten auch, deutete bei der Braunfäule im Juni, Juli und August des Jahres 1845 nichts auf einen möglichen Ernteausfall hin. Die Bauern hatten hinzugelernt, inspizierten regelmäßig ihre Pflanzen und sahen einem guten Ertrag entgegen. Keine der gefürchteten Krankheiten war bisher aufgetreten, und die lren schauten voller Optimismus in die Zukunft. Da jedoch wurden die Felder innerhalb weniger Tage plötzlich braun, dann  schwarz und stanken entsetzlich, die gesamte Ernte war auf einen Schlag vernichtet. In den folgenden sechs Jahren starben über eine Million Menschen an Hunger, eine weitere Million wanderte aus und schiffte sich auf den überfüllten „Kartoffelsärgen“ nach Amerika ein.

Im schlimmsten Jahr der großen Hungersnot kam auch noch die Cholera hinzu, 36.000 Menschen starben an der Seuche. „Die Sterbenden trugen die Toten“, so heißt es in einem Bericht. Dem Ausmaß der Katastrophe konnte sich auch der britische Premier Rohert Peel nicht verschließen, und er erklärte öffentlich:  „Wieviel Diarrhö, blutigen Ausfluss, Dysenterie muss ein Volk ertragen, bis man beschließt, ihm mit Nahrung zu helfen?“ Diese Worte kosteten ihn sein Amt, Ende des Jahres 1845 musste er, gezwungen vom Parlament, seinen Hut nehmen. Der Schatzmeister seiner Majestät, Charles Trevelyan, blieb auf seinem Posten; er hatte die Hungersnot als eine Strafe Gottes für ein rebellisches und undankbares Land bezeichnet und die Hilfsgelder so weit wie möglich herunter gedrückt.

Der Schock der Hungersnot war so groß, dass die Massenauswanderung über viele Jahrzehnte weiter anhielt und die Bevölkerungszahlen dramatisch nach unten gingen.

Friedrich Engels, der im Jahre 1856 eine Reise durch lrland unternahm, zeigte sich von den Auswirkungen der Hungersnot mehr als betroffen. In einem Brief an Marx schrieb er: „Eigentümlich sind in dem Land die Ruinen. Im ganzen Westen, besonders aber in der Gegend von Galway, ist das Land mit solchen verfallenen Bauernhäusern bedeckt, die meist erst seit 1846 verlassen sind. Ich habe nie geglaubt, dass eine Hungersnot eine so handgreifliche Realität haben könne. Ganze Dörfer sind verödet, und dazwischen dann die prächtigen Parks der kleinen Landlords, fast die Einzigen, die dort noch wohnen. Hungersnot, Auswanderung und Clearances zusammen haben das fertig gebracht. Dabei nicht einmal Vieh auf den Feldern; das Land ist eine komplette Wüste, die niemand haben will.“

Aus: Reiseführer Irland von Hans-Günter Semsek, Astrid Fieß und Lars Kabel

Uhrzeit und Temperatur: Dublin

© Titelbild: Hans-Günter Semsek