»Kolumbianer zu sein, ist ein Glaubensbekenntnis«
»ser colombiano es un acto de fé«

Jorge Luis Borges, in seiner Kurzgeschichte „Ulrica“

Kolumbien
República de Colombia

19:27 h | 14 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl:
48.321.000

Bevölkerungsdichte:
42 pro km²

Fläche: 
1.140.000 km² (26 )

Hauptstadt:
Santafé de Bogota

Staatsform:
Präsidiale Republik

Währung:
Peso Colombiano

Hauptsprachen:
Spanisch, Kreolisch, Englisch (auf San Andrés und Providencia)

Nationalfeiertag:
20.7.

Internationale Ankünfte/Touristen:
2.175.000 (2012)

Flugdauer:
11 ½ h  

Indigene Sprachen:
65 aus 14 Sprachfamilien

Höchste Küstengebirge der Welt:
5.775 m (Sierra Nevada de Santa Marta)

Bevölkerung:
98 % der Gesamtbevölkerung leben im Nordwesten

Artenreichtum:
beherbergt 10 % aller Tier- und Pflanzenarten

Kaffeeprouktion:
514.000 t (2010)

Orchideenarten:
3500

Dies und Das

Natur

© Ingolf Bruckner

Kein anderes Land der Welt (bis auf das viel größere Brasilien) birgt eine vergleichbar große Vielfalt unterschiedlicher Pflanzen. An der Pazifikküste gibt es Mangrovensümpfe; hier und auf der Landbrücke nach Panama, dem Darién, wächst tropischer Regenwald. Die Weiten der Llanos bestehen hingegen aus offenem Gras- und Buschland; nur an den mäandernden Flussläufen stehen dichte Galeriewälder und morichales (Buschinseln mit Ite-Palmen). Die isolierte Lage vieler Gebirgszüge, z.B. der Serranía de La Macarena oder der Serranía de Baudó, und ihrer Täler und Schluchten haben oft zum Entstehen einer ganz eigenen, endemischen Flora geführt (ca. 40.000 Pflanzenarten gibt es einzig in Kolumbien).

Tiere

Aufgrund seiner vielen Landschaftsräume und Klimazonen gibt es in Kolumbien eine große Vielfalt an Tierarten. Mit 1.876 heimischen Vogelspezies (19 % der weltweit vorkommenden Arten) ist Kolumbien das Land mit den meisten Vogelspezies unserer Erde. Daneben bietet das tropische Kolumbien Lebensräume für mindestens 4.000 Fischarten sowie für Amphibien und Reptilien aller Couleur. Ob zehn Meter lange Anakonda, Brillenkaiman, Zitteraal oder schnöder Piranha – hier fühlen sie sich alle wohl. Zu den 450 Säugetierarten zählen so unterschiedliche Tiere wie der sehr selten gewordene Brillenbär in den Wäldern der Anden, der Jaguar in den Wäldern des Amazonas und die Seekuh in den Wasserpflanzenwäldern der Sumpflagunen. Hinzu gesellen sich 15 % der weltweiten Primatenarten.  2013 wurde gar ein neues Säugetier entdeckt: der in den Nebelwäldern lebende Olinguito, ein gern als „Kreuzung von Teddybär und Katze“ beschriebener Vetter des Makibären.

Essen

© Ingolf Bruckner

Eine Gourmet-Reise nach Kolumbien? Das kommt derzeit wohl nicht allzu häufig vor, könnte sich aber bald ändern: In den Metropolen Bogotá, Cali, Medellín und Cartagena hat sich in den letzten Jahren zunehmend eine Restaurantlandschaft für den anspruchsvollen Gaumen entwickelt. Doch trotz hymnenhaften Lobgesanges: Der Alltag auf der Reise sieht anders aus. Beinahe täglich wird man die comida corriente vertilgen, das Standardgericht in den Restaurants der kleineren Städte und Dörfer: eine Tasse sancocho (Suppe mit Bodenfrüchten, Kochbananen und Fleischfasern), anschließend ein Teller mit Rind, Huhn oder Fisch, dazu Reis, arepa (Maisfladen), Kochbanane, Rote Beete, Tomate und auf Wunsch salsa de ají (scharfe Koriandersauce). Was kein Kolumbien-Besucher versäumen sollte, ist der Genuss der vielen exotischen Früchte, die überall von den Bäumen hängen.

Religion

© Ingolf Bruckner

Mindestens 90 % der Einwohner Kolumbiens sind Katholiken. In den Kirchen, die die Plazas der Gemeindehauptstädte flankieren, findet man zu jeder Tageszeit kniende, inbrünstig betende Menschen vor. An ländlichen Kreuzwegen sieht man von Kerzenwachs beträufelte Madonnenstatuen und Schreine. Taxi- und Busfahrer befestigen am Armaturenbrett oder Lenkrad Heiligenbildchen und bekreuzigen sich vor Haarnadelkurven. Auffällig ist, dass die meisten Mütter im Alltag ihre Babys genauso auf dem Arm tragen, wie man es bei den geläufigen Darstellungen der Muttergottes sieht.

Reisezeit

Es gibt nur sehr geringe jahreszeitliche Temperaturänderungen. Ein breites Spektrum unterschiedlicher Klimazonen tritt indes aufgrund der bergigen Natur auf. Kolumbien ist das ganze Jahr hindurch sehr regenreich. Etwas weniger als üblich regnet es nur in den Monaten Dezember bis März und Juli/August. Dann sind auch die meisten kleineren Straßen passierbar. Die genannten Monate sind daher besonders für eine Reise zu empfehlen – wobei allerdings zu beachten ist, dass während der Weihnachtszeit, zu Ostern und im Juli vielerorts die Hotelpreise aufgrund der heimischen Urlaubssaison ansteigen.

Tipps

Wörter die weiterhelfen

si, no
ja, nein

por favor
bitte (um etwas bitten)

Gracias
Danke

Muchas gracias
Vielen Dank

De nada
Keine Ursache (Antwort auf Deutsch)

Buenos dias
Guten Tag (sagt man vormittags)

Buneas tardes
Guten Tag (sagt man nachmittags)

Buenas noches
Guten Abend, Gute Nacht

Bienvenido
Herzlich willkommen

Como estás?
Wie geht es dir?

Como estás usted?
Wie geht es Ihnen?

Qué tal? 
Wie geht’s?

Muy bien
(Sehr) gut

Mal
schlecht

Adiós
Auf Wiedersehen

Hola
Hallo

Ciao
Tschüss

Buen provecho
Guten Appetit

Salud
Zum Wohl, Prost

La cuenta, por favor
Die Rechnung bitte

Perdón
Entschuldigung

Lo siento mucho
Es tut mir sehr Leid

Por favor, ayúdeme
Helfen sie mir bitte!

Kleine Sprachhilfe
Kauderwelsch Spanisch für Lateinamerika, Band 5

Dos and Don'ts

Die zu jedem Anlass angemessene Anrede gehört zu den großen Geheimnissen kolumbianischen Miteinanders. Grundsätzlich ist man hier schneller beim „Du“ als im alten Europa. Andererseits reflektiert die Art und Weise, wie sich Menschen hierzulande ansprechen, noch immer die eklatanten sozialen und regionalen Unterschiede und Klassenverhältnisse zwischen den Bürgern. Es ist völlig üblich, Schalterbeamte oder Bankangestellte als doctor(a) anzusprechen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines akademischen Titels begrenzt ist. Gerne auch benutzt man zur Anrede die vermutete Berufsbezeichnung: agente für Polizisten, abogado für Anwälte und igeniero für den Ingenieur. Selbstverständlich reflektiert die Anrede auch die sozialen Hierarchien. Hausangestellte werden fast überall ihre Arbeitgeber als don oder doña ansprechen, und der Gast, der dies zum ersten Mal hört, darf dahinter neben Höflichkeit auch eine gewisse soziale Unterwürfigkeit vermuten.

Auch die Begrüßung ist in Kolumbien starken Ritualen unterworfen. Männer und Frauen begrüßen sich beim ersten Mal immer per Handschlag. Schon nach dem ersten Kennenlernen allerdings darf man sich als Mann bei einer gewissen gegenseitigen Grundsymphatie vom weiblichen Gegenüber mit einem Küsschen auf die Wange verabschieden. Während sich Frauen untereinander grundsätzlich mit einer angedeuteten oder tatsächlichen Umarmung verabschieden, belassen es Männer eher beim Handschlag.

Besonders auffällig erscheint den Fremden der außerordentliche Reichtum nonverbaler Kommunikation. Die ausladende Körpersprache gilt es interpretieren zu lernen. Kolumbianer zögern nicht, ihre Gesprächspartner zur Unterstützung des Gesagten zu berühren – am Handgelenk, am Arm oder an der Schulter. Die Tonlage wird auch in formelleren Gesprächssituationen gerne in allen Farben moduliert, die Hände zeichnen das Gespräch bildlich nach. Was dem Neuankömmling manchmal theatralisch und dramatisch vorkommt, ist schlicht eine andere Art, sich verständlich zu machen. Kolumbianer schätzen Gastfreundschaft. Sie neigen Gästen gegenüber zur Offenheit, Zugewandtheit und Großzügigkeit. Den Gast sich schnell „wie zu Hause“ fühlen zu lassen, ist ihnen ein Anliegen. Empfangen wird der Gast, abhängig von persönlichem und sozialem Status in der Garage, im Innenhof oder im Wohnzimmer. Das Anbieten eines Getränkes sollte da Eis schnell brechen, wenn es denn überhaupt eines gab. Grundsätzlich sind Familienfeste selten exklusive Veranstaltungen. Gäste, zumal aus dem Ausland, werden auch an Weihnachten immer gern dazu gebeten. Im Zweifelsfall gilt das Prinzip, je mehr desto besser. Man setzt sich gerne in Gruppen zusammen und erzählt sich Geschichten.

Kolumbianer ziehen früh in die Nacht. Das hat mit dem frühen Sonnenuntergang zu tun, wird es doch das ganze Jahr über bereits um kurz nach 18 Uhr zappenduster. Die „offizielle“ Partyzeit beginnt also schon gegen 21 Uhr. Ein offenes Ende gibt es in den Städten nicht mehr ohne weiteres, da in den 1990er-Jahren aus Sicherheitsgründen eine Sperrstunde eingeführt wurde. Die entsprechend „hora zanahoria“ genannte Sperrstunde verpflichtet Bars und Discos zur Schließung um spätestens 3 Uhr in der Früh.

Die Sitten der Nacht sind im frühen 21. Jahrhundert nicht mehr ganz so eindeutig wie früher. Während die einen darauf schwören, dass Kolumbien das Land der unbegrenzten Leidenschaft sei, sollte man zugleich auf die sehr lebendigen traditionellen Wurzeln des Soziallebens hinweisen. Zumindest in der Oberschicht und in den stark religiös geprägten Bevölkerungsgruppen dominiert eine gewisse Zurückhaltung. Die Sexualmoral liberalisiert sich freilich auch in diesem so erzkatholischen Land, und das in großen Schritten. Flirten geht immer, ganz selbstverständlich wird hautnah getanzt.

Exkurs: Die dunklen Geheimnisse der Altstadtgassen von Cartagena

Jedes Haus und jede Gasse im alten Cartagena hat eine eigene Geschichte und eigene Mythen, wovon die vielen, oft sehr merkwürdigen Straßennamen Zeugnis ablegen. So soll es in der Cl. Antonio Ricaurte spuken (General Tomás Cipriano de Mosquera verbrachte hier jedenfalls schlaflose Nächte). Und die Cl. Tumbamuerto heißt so, da die Leichenträger, welche die zahlreichen Opfer der Grippeepidemie von 1876 abtransportierten, hier aufgrund eines bösen Zaubers (oder des schlechten Zustandes der Straße) immer stolperten und ihnen die Leichname dann auf die Straße rollten.

Die Cl. de Don Sancho erhielt ihren Namen, da in ihr Sancho Jimeno wohnte, jener illustre spanische General, der das Castillo de Bocachica gegen den Piratenangriff von Baron Jean-Bernard de Pointis verteidigte. Der König von Spanien, so erzählt man sich, hatte die Lügenmärchen seiner Vizekönige satt und wollte sich ein eigenes Bild von den ach so teuren Stadtbefestigungen Cartagenas machen, und da es ihm nicht gelang, mit seinem Fernrohr von Spanien aus die Perle der Karibik zu erblicken, reiste er inkognito – als Dame verkleidet und mit zahlreichen weiteren „Damen“ als Gefolge – über den Ozean und bezog in jener Straße, die später Cl. de las Damas genannt wurde, Quartier. Keinem gelang es, die Identität der geheimnisvollen Damen festzustellen, die ebenso plötzlich wieder abreisten wie sie gekommen waren.

In der Straße, die heute Cl. de la Mantilla heißt, wohnte die schöne Jungfrau María de Encarnación mit ihrem Vater, einem hohen Staatsbeamten. 1658 wurde Juan Pérez de Guzmán Kommandant von Cartagena und verlobte sich mit María. Doch noch vor der Heirat verschwand er auf einer Galeone nach Puerto Rico, wo er den Gouverneurs posten annahm, ohne zuvor die Familie informiert zu haben. In ihrem Schmerz erhängte sich María an ihrer Seidenmantille.

Am Caño Anastasio, der einst San Diego von Getsemaní trennte, hatte vor über 200 Jahren eine Fischerfamilie ihre Kate. Die Tochter pflegte die Innereien (= tripa) der für den Verkauf bestimmten Fische auf der Straße zu entfernen und handelte sich bald schon den Spitznamen La Tripita (= Bäuchlein) ein. Anlässlich eines Festes machte sich La Tripita richtig schön, zog sich feine Strümpfchen (= medias) an, die sie von ihrer Taufpatin geschenkt bekommen hatte, und stolzierte darin durch die Gassen. Von da an entstand die Redensart: „Schau mal, da vorne kommt La Tripita y Media!“, und bald schon bezeichneten die Leute die Gasse, in der das beeindruckende Mädchen wohnte, als Calle Tripita y Media – ein Name, der sich bis heute erhalten hat.

In der Cl. de Quero lebte einst der durch ein Erbe zu Reichtum gekommene Miguel Cuero, der sich seines Namens (cuero = Leder) schämte, da man schon seine alte Mutter mit Ausdrücken wie „du gegerbtes Katzenleder“ beschimpft hatte. Darum benannte er sich um in Miguel Quero. Eines Nachts hörte er ein Geräusch wie von einem Einbrecher und begab sich rasch zu seiner Truhe, um sein Geld nachzuzählen. Da traf ihn der Schlag, und es war aus mit ihm. Verwesungsgeruch alarmierte Tage später die Nachbarn. Sie brachen die Tür zu Miguel Queros Haus auf und fanden den durch die eifrige Tätigkeit der Würmer aufgeblähten Körper Queros – und von da an gab es kein Halten mehr: Die Legenden um das Spukhaus trieben reiche Blüten, und kaum einer wagte es je, nachts hier noch vorbeizugehen. Ein ganz Mutiger steckte sich zur Nervenberuhigung eine Zigarre an, da fragte jemand vom Balkon aus nach Feuer, und als der Raucher aufblickte, sah er einen langen Knochenarm mit spinnbeindünnen Fingern, die rissen ihm die Zigarre aus dem Mund. Der Mann auf der Straße wurde auf der Stelle ohnmächtig. Ein aus Antioquia angereister Geisterjäger logierte einmal in Queros Haus, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Kaum dass ein Schatten sein Bett streifte, feuerte er sechs Kugeln da rauf ab, doch eine Gespensterstimme hauchte ihn an: „Deine Kugeln haben mir nichts an; ich gebe sie dir zurück, hier hast du sie!“ Und die sechs Kugeln fielen wie heiße Tropfen hinab auf des paisa Laken. Der Mann aus Antioquia beendete seine Tage im Irrenhaus …

Exkurs: Das indigene Volk der Nasa (Paez)

Zur Zeit der spanischen Konquistadoren, die im 16. Jh. in den Nordosten des heutigen Departamento Cauca einfielen, lebte hier bereits das wehrhafte indigene Volk der Paez (heute korrekt Nasa genannt), welches jeglichen Bezug zu den einstigen Bewohnern von Tierradentro, den Erbauern der rätselhaften Schachtgräber, leugnet. Die Nasa kämpften gegen ihre Nachbarn im Norden, die Pijaos, und ihre Nachbarn im Süden, die Yalcones und Timanaes. Um die Spanier zu vertreiben, bildeten die verfeindeten Indianer eine Allianz. Doch nach einem Jahrhundert des ausweglosen, mit Lanzen, Pfeilen und Knüppeln geführten Krieges waren die Nasa die einzigen Ureinwohner in der Region, die die spanische Invasion überlebt hatten. Bereits seit den ersten Kontakten mit Europäern, verstärkt aber auch durch die Violencia im Allgemeinen und durch Aktivitäten von Guerilleros, Großgrundbesitzern und Kokabauern im Besonderen, entwickelten die Nasa Formen kulturellen Widerstandes, der es ihnen bis heute erlaubt, von außen kommende Einflüsse für sich zu nutzen und dabei dennoch ihre eigene Identität zu bewahren.

Einen Schlüssel dafür bildet das politische Vermächtnis des legendären Häuptlings Juan Tama: „Das Land gehört den Nasa, ausschließlich den Nasa, und ist für die Nasa. Die Nasa vermischen ihr Blut nicht mit dem Blut Fremder.“ Bei strikter Beachtung dieses Gesetzes, so Juan Tama,„werden die Nasa unbesiegbar sein!“ Der Legende nach ist Don Juan Tama ein Abgesandter des K’pish (einer hohen Gottheit, die auch El Trueno – der Donner – genannt wird) und Sohn der Sterne, die ihn um Mitternacht, eins geworden mit dem Donner eines wütenden Gewittersturmes, das Licht der Welt erblicken ließen. Sie vertrauten ihn den Wellen des Río Lucero an, der im Páramo de Moras entspringt. Schamanen fanden das Kind, erzogen es und machten Don Juan zu einem großen Führer. Am Ende seiner glorreichen Tage verschwand der Häuptling an seinem Geburtsort, in der Lagune des Río Lucero (südlich des Dorfes Mosoco) und kehrte so in den Schoß der Sterne zurück. Von da an herrschte in den Nasa-Gemeinden der geheiligte Brauch, jährlich ihre autonomen cabildos – also ihre Gemeinderäte – zur Laguna del Lucero, dem Wohnort des K’pish, zu schicken, auf dass sie dort ihre Amtsinsignie, den Szepter aus chontaduro-Holz (vara del mando), badeten und dadurch in ihrer Amtsausübung, Weihe und Läuterung erführen. Opfer in Form von Silbermünzen wurden für K’pish in der Lagune versenkt.

Die Nasa gaben die Tradition erst auf, nachdem drei Jahre in Folge so starke Regenfälle über den Bergen und Hochebenen niedergingen, dass niemand die Lagune zu erreichen vermochte. Jetzt glaubten die Nasa zu verstehen, dass sie nach dem Willen von Juan Tama nicht zu rückkehren sollten an den Opferplatz. Über Jahrhunderte ausgeübte missionarische Aktivitäten förderten den Katholizismus, doch auch im religiösen Bereich verstanden die Nasa, ihre Ansichten nicht aufzugeben: So gilt der Heilige Thomas – ähnlich wie Juan Tama – als Abgesandter des K’pish. Noch heute gibt es Nasa, die auf archaische Weise leben: in Häusern mit 5 x 3 m oder 7 x 5 m messenden rechteckigen Grundflächen, die Wände und Türen aus Maisstämmen, die an Gerüsten aus Bambus befestigt sind, mit Dächern aus Gras. Zumeist sind die Wände heute aber aus bahareque (Lehm und Bambus) gefertigt. In die resguardos (autonome Dorfgemeinschaften) der insgesamt ca. 140.000 Nasa kann man wegen ihrer abgeschiedenen, infrastrukturell kaum erschlossenen Lage im zerklüfteten Bergland der Municipios Inzá, Páez (Belalcázar), Silvia, Totoró und Toribío oft nur per pedes oder zu Pferd gelangen.

Aufgrund der Violencia werden vor allem hoch gelegene und schwierig zu bewirtschaftende Regionen 2.000 bis 3.000 m über NN besiedelt. Man baut wie ehedem an den Steilhängen Mais, yuca (Kassava), arracacha, Bohnen, Kartoffeln und Koka an, spricht neben dem Castellano auch die eigene, Nasa Yuwe genannte Sprache und geht zunächst die amañe ein, jene ein Jahr währende „Vorehe“, die einer dauerhaften Bindung vorgeschaltet ist.

Von den Vereinten Nationen gelobt wird das zunehmende Bestreben der Nasa, in ihren eigenen Reihen so genannte „Wächter“ aufzustellen, die – lediglich mit drei Fuß langen Zeremonienstäben und -keulen ausgerüstet – schwer bewaffnete FARC-Guerilleros und Paramilitärs gleichermaßen aus ihrem Territorium verjagen, zwischen deren Fronten sie immer wieder unschuldig geraten, indem sie von einer Seite der Kollaboration mit der anderen Seite beschuldigt werden. Seit 2001 haben sich etwa 7.000 Wächter und Wächterinnen in der Guardia Indígena organisiert. Ihr Erfolg begründet sich auf der Geschlossenheit ihres Auftretens: Sie suchen zu Hunderten einen Entführten, und zwar so lange, bis sie ihn haben, und beschützen mit ebenso großem Aufgebot Protestaktionen, was deren Medienwirksamkeit beträchtlich erhöht.

Aus: Reiseführer Kolumbien von Ingolf Bruckner, Kulturschock Kolumbien von Oliver Schmidt

Uhrzeit und Temperatur: Bogotá

Titelbild: © Ingolf Bruckner