»Mit den Augen stehlen ist keine Sünde.«
Lettisches Sprichwort

Lettland

Latvija

20:17 h | 16 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl
1.990.000 (Weltrang 144)

Bevölkerungsdichte
31 Einw. pro km²

Fläche
64.589 km² (121)

Hauptstadt
Riga

Staatsform
parlamentarische Republik

Hauptsprachen
Lettisch

Währung
Euro

Nationalfeiertag
18.11.

Internationale Ankünfte/Touristen
1.839.241 (Stand 2013)

Flugdauer
1277 km ≈ 1,5 Std.

Entfernung über Land
1.562 km

Grenzlänge
1.368 km

Nachbarländer
4 (EST, RU, BY, LT)

Küstenlänge
498 km

Längster Fluss
Daugava 1.005 km (davon 352 km in Lettland)

Breitester Wasserfall Europas
Ventas Rumba ≈ 249 m (bei 2 m Fallhöhe)

Höchster Erhebung
Gaiziņkalns 311 m

Anzahl der Nationalparks
4

Waldfläche
33.560 km² (52%)

Beginn des Naturschutzes
16. Jahrhundert

Dies und Das

© Mirko Kaupat

Natur

Lettland liegt weit nördlich – so weit, dass es im Hochsommer „weiße Nächte“ bietet, für die eigentlich eher Skandinavien berühmt ist. Die Nordspitze des Landes liegt nur 400 Kilometer von Helsinki entfernt.
Die Landschaft ist mit ihrer Lage nordwestlich der osteuropäischen Tiefebene eher flach: Mit nur 311 Metern ist der Gaiziņkalns bereits der höchste Berg des Landes. Dennoch scheinen kalns (Hügel) allgegenwärtig zu sein, denn die Landschaft hat in Folge eiszeitlicher Verschiebungen eine Vielzahl an Hügeln und eindrucksvollen Steinen und Findlingen zu bieten.

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Riga fungiert nicht nur als lettischer Regierungssitz und inoffizielle Hauptstadt des gesamten Baltikums, es ist auch die einzige Metropole im Lande. Mit gut 706.000 Einwohnern (inkl. Umgebung 1,1 Mio.) lebt dort ungefähr jeder dritte Lette. Kein Wunder daher, dass die nächstgrößere Stadt Daugavpils nur rund 100.000 Menschen beheimatet. Die weiteren größeren Städte Liepāja, Jelgava, Jūrmala und Ventspils kommen allesamt nicht über die 100.000-Marke hinaus. Am dünnsten besiedelt ist das Land im russisch geprägten Osten (Latgale) und an der Nordwestspitze, wo einst das sowjetische Sperrgebiet lag.
Größter der unglaublichen 12.400 Flüsse ist die Daugava, die sich aus Weißrussland kommend über Daugavpils und Riga in die Rigaer Bucht wälzt. Sie besitzt eine stolze Länge von 1005 Kilometern, davon allerdings nur 342 Kilometer in Lettland. Wer einmal Lettland bereist hat, dem wird auch die malerische Gauja mit ihrem einzigartigen Nationalpark in besonderer Erinnerung bleiben. Sie hat einen höchst seltsamen Verlauf, denn sie entspringt mitten in Vidzeme, fließt östlich und dann nördlich, überquert ganz kurz die estnische Grenze und kehrt in einem Bogen nach Vidzeme zurück, wo sie dann ebenfalls in die Rigaer Bucht mündet.
Der größte See Lettlands heißt Lubans und misst 81 km². Am tiefsten ist der Dridzis-See mit 65 Metern. Dies sind nur zwei der 2256 Seen mit einer Größe von mehr als einem Hektar.

Tiere

Die relativ hohen Niederschlagsmengen garantieren eine artenreiche und vielfältige Vegetation mit saftigen und frischen Farben. Die unterschiedlichen Arten von Wäldern (trocken und feucht, Nadel-, Laub- und Mischwälder) sowie die Moore und Felder bieten auch ideale Bedingungen für eine schier grenzenlos scheinende Tierwelt. Lettland rühmt sich der bemerkenswerten Zahl von 27.700 Tier- und Pflanzenarten.

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Besonders hervorgehoben werden von den Letten die seltenen Tierarten, die im Land vorkommen. So hat der Wolf beinahe eine mythische Bedeutung. Viele Legenden ranken sich um dieses geheimnisvolle Tier. Einige bringen den Wolf mit etwas Göttlichem in Verbindung, andere Geschichten wiederum rufen Ängste vor dem „bösen Werwolf“ hervor. In der Realität jedoch gibt es kaum Gelegenheiten für die Menschen, diesem Urahnen unserer Haushunde zu begegnen. Die schätzungsweise 1000 Wölfe in den lettischen Wäldern verhalten sich sehr scheu.
Ein ebenso seltenes und menschenscheues Tier mit „Wohnsitz“ in Lettland ist der Luchs, diese eindrucksvolle, bis zu 30 Kilogramm schwere und bis zu 70 Zentimeter hohe Wildkatze mit langen Beinen und charakteristischen Haaren an den Ohrspitzen. Die Schüchternheit des Luchses sollte aber nicht über seine Gefährlichkeit hinwegtäuschen: Neben Hasen oder Bibern reißen Luchse auch gelegentlich große Wildtiere wie Rehe. Nur wenige europäische Länder können sich einer Luchs-Population rühmen. Zuletzt wurden in Lettland rund 700 Exemplare gezählt.
Der Elch ist ein Wildtier, an das sich die Luchse ganz sicher nicht herantrauen. Elche sind in Lettland etwas leichter anzutreffen als die Wildkatzen oder Wölfe. Scheu sind die aus Skandinavien bekannten gewaltigen Tiere mit bis zu 400 Kilogramm Gewicht aber trotzdem. Mit seinen langen Beinen kann der Elch sehr schnell sehr weite Entfernungen zurücklegen – auch in hohem Schnee oder in Sumpfgebieten. Doch er erweist sich auch als exzellenter Schwimmer in Flüssen, Seen und gelegentlich sogar im Meer. Schätzungen zufolge leben bis zu 10.000 Elche in Lettland.
Für die meisten Touristen sind die Störche die mit Abstand größte „tierische“ Attraktion, zum einen, weil sie in Westeuropa so selten vorkommen, und zum anderen, weil sie in Lettland wirklich allgegenwärtig sind. Wölfe, Luchse und Elche sind faszinierend, doch die meisten Besucher werden sie gar nicht in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen. Weißstörche dagegen hocken ungefähr von April bis September auf Tausenden und Abertausenden von Dächern, Pfählen und Säulen. Bis zum Sommer brüten sie ihre Eier aus und danach kann man die Vögel bei der Aufzucht ihrer Jungen beobachten, bis diese dann flügge werden. Die weißen Vögel mit den stelzenhaften Beinen gehören einfach dazu – sei es mit ihren weit aufgespannten Schwingen in der Luft oder stolzierend auf dem frisch gemähten Feld, aus dem sie sich Frösche und andere Nahrung herauspicken.
Weißstörche sind es gewohnt, mit den Menschen zusammen zu leben und bauen sich ihr Nest oft sehr nah an Häusern oder sogar direkt darauf. Einem Aberglauben zufolge bringen Störche nicht nur Kinder, sondern schützen auch das Haus, auf dem sie ihr Nest errichten. Andere Hausbesitzer machen sich Sorgen um die Stabilität ihres Daches, denn ein Storchennest kann mit der Zeit erstaunlich schwer werden.
Während in Lettland schätzungsweise 10.000 Weißstörche nisten, ist der Schwarzstorch eine echte Rarität. Immerhin 1000 Paare soll es geben, doch sie sind viel schwerer auszumachen, denn der schwarze Vogel mit dem weißlichen Bauch – etwas kleiner als ein Weißstorch – baut seine Nester an abgeschiedenen Orten. Er sucht sich ruhige Wälder, vorzugsweise nahe an Flüssen oder Seen.

© Mirko Kaupat

Essen

Man tritt den Letten nicht zu nah mit der Feststellung, dass sie wenige Gourmet-Speisen zu bieten haben: Die Küche ist geprägt von deftigen und einfachen Gerichten. Ein typisches Gericht ist die karbonade, ein großes, meist paniertes Schweineschnitzel, serviert mit Krautsalat oder Gemüse und Pommes Frites oder Bratkartoffeln, seltener auch mit Salzkartoffeln oder Reis. Typisch als Geschmacksverfeinerung zu fast jedem Gericht ist Kümmel. Überhaupt dominiert das Schweinefleisch die Speisekarten der Letten, oft in Form von Schaschlik und Rippchen, auch häufig auf deutsche Weise als Würstchen oder Eisbein. Rindfleisch ist erstaunlich selten anzutreffen, Geflügel schon etwas häufiger.

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Nur Fischgerichte haben in dem Land der vielen Gewässer noch einen ähnlich hohen Stellenwert wie Schweinefleisch. In den Küstenorten und Fischerdörfern werden viele Fischrestaurants betrieben. Am beliebtesten sind geräucherte Sorten wie Aal, Dorsch, Hering, Forelle und Lachs. Auch Freunde von Krabben und anderen Meeresfrüchten kommen auf ihre Kosten. Zum Fisch wird häufig eine interessante Beilage gereicht: eingemachte oder in Essig eingelegte Tomaten, Zwiebeln, Möhren und anderes pikant schmeckendes Gemüse.
So fleischorientiert die meisten Speisen auch sein mögen, so sehr überzeugt die immer wieder sehr reiche Auswahl an Salaten, die auch für Vegetarier zum wichtigen Rettungsanker wird. Aus deutschen Landen kommt die Tradition eines sehr schmackhaften, wenn auch nicht gerade leichten Kartoffelsalates. Beliebt sind außerdem Kraut-, Tomaten-, Gurken-, und Bohnensalate.
Nicht fehlen dürfen im von Wäldern übersäten Lettland natürlich Pilzgerichte, die sich nach der jeweiligen Jahreszeit richten. Eine Pilzsuppe wird oft als Vorspeise serviert, ob zu Pelmeni oder zum Schweineschnitzel. Letzteres kann aber auch Pilze als Beilage haben. Besonders lecker – und nicht so teuer wie in Westeuropa – sind Pfifferlinge, die hier in Hülle und Fülle wachsen und gesammelt werden. Weitere Spezialitäten sind graue Erbsen mit Speck, Kartoffeln mit Quark und Heringen und Sauerampfersuppe.

Bevölkerung

Obwohl Lettland auch für seine Bewohner seit der Wiedergewinnung der Freiheit und Unabhängigkeit langsam immer attraktiver wird, ist der langjährige Trend zur Abwanderung noch nicht aufgehalten. Nach wie vor weisen die offiziellen Statistiken einen Rückgang der Bevölkerungszahl aus.
Eine große Rolle in der Zusammensetzung der Bevölkerung spielen verschiedene Minderheiten. Die Russischsprachigen bilden immer noch ein Drittel der Bevölkerung. Diese Gruppe gliedert sich auf in 27,8 % Russen, 3,6 % Weißrussen und 2,5 % Ukrainer.

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Die Integration gestaltete sich lange Zeit äußerst schwierig, weil die lettische Regierung zunächst mit einem harten Kurs versuchte, alle Russen zur möglichst schnellen Eingliederung zu zwingen. Ohne den Nachweis von guten Lettisch-Sprachkenntnissen wollte man keine lettische Staatsbürgerschaft ausstellen.
Eine weitere Minderheit in Lettland wird von den Polen gebildet, die 2,4 % der Bevölkerung stellen. Die meisten von ihnen konzentrieren sich auf die beiden größten Städte Riga und Daugavpils mit der jeweiligen Umgebung. Die Polen pflegen ihre Tradition, beispielsweise in religiöser Hinsicht, können aber oft kein Polnisch mehr, sondern sprechen vor allem Russisch. Gleiches gilt für die 0,4 % Juden in Lettland, während die 1,4 % starke litauische Minderheit eher Lettisch spricht. Die Litauer siedeln hauptsächlich an der lettisch-litauischen Grenze.

© Mirko Kaupat

Reisezeit

Lettland ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert. Natürlich steht der Sommer im Vordergrund in einem Land, das Hunderte von Kilometern an Strand und malerische Seen vorzuweisen hat. Am schönsten ist Lettland auf Rundreisen, evtl. mit Übernachtungen auf Campingplätzen kennen zu lernen. Die lettischen Sommer haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie meist nicht zu heiß sind und extrem kurze Nächte haben.

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Im Juni und Juli wird es praktisch gar nicht dunkel und selbst im August geht die Sonne erst um 22 Uhr unter. Die Wassertemperaturen in der Rigaer Bucht und in der offenen Ostsee erweisen sich außer für Asketen nur von Ende Juni bis September als angenehm. Im Juni liegen die Temperaturen noch durchschnittlich bei eisigen 14–17 °C, im Juli und August reichen sie dagegen im Schnitt schon fast an 20 °C heran und können an manchen Tagen sogar darüber liegen. Im September geht es dann schnell wieder zurück auf Juni-Niveau. Die Seen wärmen sich natürlich schneller auf und behalten länger eine angenehme Badetemperatur.
Der Herbst kann ebenfalls sehr attraktiv für Rundreisen sein, weil die zahlreichen Alleen und Wälder dann rot-golden leuchten. Der Winter dauert vergleichsweise lange. Wenn auch keine Schneegarantie besteht, so ist das Land doch meist von einer weißen Decke überzogen. Die Dunkelheit beginnt besonders früh und die Dämmerung kommt spät. Wer die wärmeren Jahreszeiten vorzieht, sollte wissen, dass der Frühling erst so richtig im Mai beginnt, dann aber mit bestechender Schönheit. Noch im Juni und sogar im Juli blüht der Raps auf den vielen endlos scheinenden Feldern.

Religion

Die Religion der in Lettland lebenden Menschen richtet sich ziemlich genau nach der Volkszugehörigkeit. So sind die Letten selbst fast alle Mitglieder der evangelischen Kirche, die Russen, Ukrainer und Weißrussen versammeln sich in der russisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft und Polen sowie Litauer sind Katholiken.

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Wenn auch katholische und orthodoxe Kirchen im gesamten Land zu finden sind, konzentrieren sie sich doch in der östlichen Region Latgale. Menschen, die sich zu keiner der Konfessionen bekennen, gibt es kaum. Die Anzahl der praktizierenden Gläubigen ist schwer zu benennen, aber bei genauer Beobachtung entsteht der Eindruck, dass die meisten Letten ihrer Religion einige Bedeutung zumessen und der Anteil der Kirchgänger recht hoch ist.

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Guten Tag – labdien
Guten Morgen – labrīt
Guten Abend – labvakar
Hallo – sveiks/sveika (m./w.)
Danke – paldies
Bitte – lūdzu
Entschuldigung – atvainojiet
ja – jā
nein – nē
Auf Wiedersehen – uz redzēšanos

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Visum: www.latvia.travel/de/visa-zoll | https://www.auswaertiges-amt.de/Laender/Lettland/Visum

Fremdenverkehrsamt: www.latvia.travel/de | www.tava.gov.lv/de

Deutsche Botschaft: www.riga.diplo.de

Lettische Botschaft: www.mfa.gov.lv/de

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de | www.bmf.gv.at | www.ezv.admin.ch

Dos and Don’ts

Wer durch Lettland reist, braucht sich im Prinzip keine Sorgen um bestimmte Verhaltensweisen oder Sitten zu machen, die uns nicht vertraut sind. Fremde werden im Großen und Ganzen nicht viel anders als Einheimische behandelt, grundlegende Tabus gibt es kaum. Nicht zuletzt durch die lange geschichtliche Verbindung ist das Baltikum ein uns vertrauter Kulturraum. Es empfiehlt sich, im Umgang mit den Einheimischen seinem gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Wie überall sollte man Menschen nicht einfach ungefragt fotografieren oder auf Privatgrundstücke vordringen. Wer sich ein paar Worte der jeweiligen Landessprache aneignet, wird auch verschlossene Gemüter gleich viel leichter für sich einnehmen können.
Im Dienstleistungsbereich und in der Bürokratie kann der Umgangston noch recht streng sein, ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Da heißt es geduldig bleiben, wenn nicht alles so klappt, wie man es gern hätte. Seinen Unwillen darüber zu zeigen, legt einem noch mehr Steine in den Weg. Bestechungsversuche sind zwecklos.
In Kirchen sollte man sich wie hierzulande diskret und still verhalten. Frauen müssen in orthodoxen Kirchen ihren Kopf mit einem Tuch bedecken. In Kirchen und Klöster sollte man nicht mit Freizeitkleidung gehen. Zu aufreizende Kleidung von Frauen kann Missfallen erregen. Es besteht zwar ein gesetzliches Verbot, auf öffentlichen Plätzen Alkohol zu trinken, doch halten sich gerade einige Jugendliche nicht immer daran. Wer sich dem Verbot widersetzt, muss mit einer Geldstrafe rechnen.

Die Liven – das kleinste Volk der Welt

Der Name Livland spielt in der Geschichte Lettlands eine überragende Rolle. Nachdem die deutschen Ritter des Schwertbrüderordens im 13. Jh. das Gebiet des heutigen Lettland erobert hatten, standen die Namen Livland und Kurland für einen Großteil des heutigen lettischen Staatsgebietes. Livland deckte zusätzlich noch gute Teile des heutigen Estland ab. Auch im 21. Jh. wird Vidzeme als eine der vier lettischen Regionen immer noch mit „Livland“ übersetzt. Doch das im frühen Mittelalter von den Liven bevölkerte Gebiet an der Rigaer Bucht machte nur etwa zehn Prozent dessen aus, was später als „Livland“ in die Geschichte eingehen sollte.
Es wird geschätzt, dass es nie mehr als 20.000 Liven gegeben hat. Sie bildeten ein winziges finno-ugrisches Völkchen, das den mächtigen einmarschierenden Kreuzrittern wenig entgegenzusetzen hatte. Dennoch haftet ihnen bis heute im kollektiven lettischen Gedächtnis der Ruf an, als erste „dem deutschen Feind nachgegeben“ zu haben. So wird es jedenfalls im nationalen Mythos vom lettischen Helden Lāčplēsis, dem Bärentöter, dargestellt. Dabei waren nach dem Einmarsch der Schwertbrüder kaum noch Liven übrig geblieben. Wohl nur wenige Tausend retteten sich über die nächsten Jahrhunderte mit ihren ständigen Umwälzungen und Kriegen.
Nur 800 Liven wurden zum Ende des Zweiten Weltkrieges gezählt. Doch anstatt sich in ihren Heimatdörfern an der Ostseeküste neu zu sammeln, Kultur und Traditionen wieder zu pflegen, wurden sie von den Sowjets ganz bewusst überall im Land verstreut angesiedelt.
Mit dem Ende der kommunistischen Herrschaft kam endlich die Zeit, in der Minderheiten wieder ungehindert agieren konnten. Doch von den Liven scheint kaum jemand übrig zu sein, um von diesem Recht zu profitieren. In der ganzen Welt gibt es vermutlich nur noch acht livländische Muttersprachler, 40 Menschen beherrschen das Livländische immerhin als Fremdsprache und weitere 190 bezeichnen sich als Liven, obwohl sie sich in der Sprache gar nicht unterhalten können. Hinzu kommt, dass die meisten Liven der älteren Generation angehören. Vor dem endgültigen Aussterben bewahren derzeit wohl nur Wissenschaftler das Livländische – es gibt ganze Abhandlungen und Grammatiken dieser mit dem Estnischen und dem Finnischen, nicht aber mit dem Lettischen verwandten Sprache.
Als kleinstes Volk der Welt, dem man gewissermaßen beim Aussterben zusehen kann, haben die Liven in letzter Zeit einiges an Aufmerksamkeit erfahren. Fernsehfilme in Skandinavien und den baltischen Ländern verarbeiteten die für dieses Volk dramatische Entwicklung. Durch das gestiegene Interesse besteht nun Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Livenvolkes – einige Letten haben bereits Ahnenforschung betrieben und ihre livländischen Wurzeln entdeckt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige von ihnen die neu erfahrene Familientradition hochhalten und Sprache sowie Gebräuche ihrer Vorfahren kennenlernen wollen. Ob sie sich nun als Volk wiederbeleben werden oder nicht: Einen europaweit bekannten Namen besitzen die Liven auf jeden Fall immer noch. Und ein zentraler Punkt in Rigas historischer Altstadt wurde erst kürzlich in „Livenplatz“ umbenannt. Vielleicht ein gutes Omen?

Bier – das lettische Nationalgetränk

Kein anderes Land im mittleren Osteuropa – außer Tschechien – besitzt eine Biertradition, die auch nur annähernd an die lettische heranreichen würde. Dies ist sicherlich auch auf den Jahrhunderte währenden deutschen Einfluss zurückzuführen. Besonders die deutschstämmigen Geistlichen, die seit dem 13. Jh. einwanderten, brachten der lettischen Bevölkerung nicht nur das Christentum, sondern auch das Bierbrauen und -trinken nahe. Letzteres dürfte im Vergleich zum Christentum auf weniger Widerstand gestoßen sein, denn das Bier entwickelte sich schnell zum Nationalgetränk – was es bis heute geblieben ist. Eine Veröffentlichung spricht von 18 registrierten Brauereien im Lande, doch mehrere Dutzend Sorten sind im Verkauf, die meisten davon nur im regionalen Vertrieb.
Natürlich ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass die Mehrheit der Biere dem Reinheitsgebot entspricht und weder pasteurisiert ist noch aus anderen Zutaten als Wasser, Malz und Hopfen besteht. Man kann nun trefflich über die verschiedenen Geschmacksrichtungen der jeweiligen Marken fachsimpeln. Tatsache dürfte sein, dass die lettischen Biere ein wenig malziger schmecken als etwa die deutschen oder tschechischen. Vielleicht liegt dieser Eindruck aber auch nur an dem viel Malz enthaltenden, dunklen lettischen Brot, das man so hervorragend zum „kühlen Blonden“ essen kann, ohne zu fettigen und salzigen Chips greifen zu müssen.
Was anderen Völkern ihr Wein, ist den Letten ihr Bier – daher gibt es statt Honigwein auch Honigbier (Medalus). Traditionell gab man beim Brauen auch gelegentlich Wacholderbeeren oder Wermut in die Mischung, um den Geschmack zu verfeinern und zu bereichern – ein sehr früher Vorläufer der heute so beliebten „flavoured beers“.
Während inzwischen in den meisten Ländern Europas immer mehr Bier konsumiert wird, ist es doch interessant, dass im Grunde alle Nachbarstaaten Lettlands keine ausgesprochenen „Bierländer“ sind: Sowohl Litauen und Estland als auch Russland und Weißrussland haben weitaus weniger eigene, hochwertige Biersorten vorzuweisen. Auch in diesem Bereich behauptet das kleine Lettland seine Eigenständigkeit: Zwischen 15 und 20 Millionen Liter des Getränks flossen in letzter Zeit pro Jahr durch lettische Kehlen. Nicht alle Hersteller jedoch sind immer noch lettische Firmen. So geriet die älteste Brauerei des Landes im Stadtzentrum von Cēsis schon vor Jahren in finnischen Besitz.

Münchhausen – die Wahrheit über den Lügenbaron aus Lettland

Es gibt Geschichten, die einfach jeder kennt. Eine davon ist der Ritt des Barons von Münchhausen auf der Kanonenkugel – eine Legende nicht erst, seit Hans Albers zur goldenen Zeit des deutschen Nachkriegsfilms in die Haut des Adeligen schlüpfte. Auch international wurde Münchhausen zum allgemein vertrauten Begriff. Im 20. Jh. ließ man ihm sogar die zweifelhafte Ehre zuteil werden, eine Krankheit nach ihm zu benennen: Das Münchhausen- Syndrom. Es beschreibt eine Fehlfunktion des Gehirns, die einen Menschen ein Krankheitsbild vortäuschen lässt, nur um Zuwendung zu erreichen.
Der Name Münchhausen steht für meisterhaft erzählte Lügengeschichten, wobei gar nicht klar ist, ob Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen wirklich seine Zuhörer an der Nase herumgeführt hat. Vielleicht waren diejenigen, die gebannt seinen Phantasie-Abenteuern lauschten, sich auch völlig über deren Unwahrheit im Klaren und genossen schlicht den Einfallsreichtum des Barons. Möglich ist natürlich auch, dass Münchhausen seine Geschichten gar nicht in der wiedergegebenen Form erzählt hat, sondern dass andere ihm das ausgeprägte Vorstellungsvermögen später zu Unrecht zuschrieben. Der Verfasser des ersten Buches mit den Münchhausen-Geschichten blieb nämlich anonym.
Der 1720 im niedersächsischen Bodenwerder geborene Adlige war Bediensteter des Prinzen Anton Ulrich II. von Braunschweig- Lüneburg und kam im Gefolge seines Herrn in die verbündete russische Armee, wo er zunächst zum Leutnant und dann zum Rittmeister aufstieg. Er nahm an zwei Feldzügen gegen die Türken teil – Stoff für eine ganze Reihe der ihm zugeschriebenen Lügengeschichten. Stationiert war Münchhausen über viele Jahre in Riga. Er freundete sich mit dem deutschbaltischen Adeligen Georg Gustav von Dunten an und besuchte ihn auf seinem Gut in Ruthern (das auf Lettisch heute interessanterweise nach der alten Besitzerfamilie Dunte heißt). Dort lernte er auch Duntens Tochter Jacobine kennen. Er heiratete sie 1744 in der Kirche von Liepupe (damals Pernigel), nur wenige Kilometer von Dunte entfernt, wo Münchhausen Überlieferungen zufolge mit dem Erzählen seiner wundersamen Geschichten begonnen haben soll.
Noch sechs Jahre lebte Münchhausen mit seiner Frau im heutigen Lettland, bevor er sie ins heimatliche Bodenwerder bei Hannover mitnahm. Der Baron verließ Bodenwerder als Wohnsitz bis zum Ende seines für damalige Verhältnisse recht langen Lebens im Jahre 1797 nicht mehr. 1790 starb Jacobine und 1794 wirbelte die zweite Ehe Münchhausens mit einem zwanzigjährigen Mädchen noch einmal viel Staub auf. Die Vermählung wurde kurz nach der Hochzeit in einem spektakulären Scheidungsprozess wieder aufgelöst.
Auch wenn Münchhausen die meiste Zeit in Bodenwerder verbrachte, so ist er doch unzertrennlich mit Livland – und dadurch auch mit dem heutigen Lettland – verbunden. Das Münchhausen-Museum und der Münchhausen-Wanderpfad an dem Ort, wo er seine Ehefrau kennenlernte, sind eine angemessene Hommage an den geheimnisvollen Baron.

Alle Texte aus: Reiseführer Lettland von Mirko Kaupat

Uhrzeit und Temperatur: Riga

Angaben zur Entfernung: von Frankfurt/Main

Titelbild: © Mirko Kaupat