»Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen, Mit gewöhnlichem Maße nicht zu messen: Es hat ein besonderes Wesen – An Russland kann man nur glauben.«
Fjodor Tschutschew, 1866

Russland

Rossijskaja Federazija
Russische Föderation

03:23 h | -1 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl
143.533.000 (Weltrang 9)

Bevölkerungsdichte
8,3 pro km²

Fläche
17.075.400 km² (Weltrang 1)

Hauptstadt
Moskwa (Moskau)

Staatsform
Föderale Republik

Hauptsprachen
Russisch

Währung
Rubel (RUB)

Nationalfeiertag
12. Juni

Flugdauer
2.021,09 km ≈ 2,5 Std.

Entfernung über Land
2.326 km

Internationale Ankünfte/Touristen
24.932.000 (2011)

Flughäfen
1.218 (Weltrang 5)

Eisenbahnlinie
87,157 km (Weltrang 2)

Längste Gas-Pipeline
163,872 km

Größter Binnensee
Kaspisches Meer, 386.400 km²

Ältester und tiefster See
Baikalsee, 1642 m tief, 25 Mio. Jahre alt

Anzahl der Nachbarländer
14

Natürliche Gasreserven
47.8 trillion cu m (2013) (Weltrang 1)

Zeitzonen
9 (bis 2010 waren es noch 11)

Küstenlinie
37.653 km (Grenzt an 5 Meere)

Autonome Republiken
21

Erdöl
¼ der weltweiten Erdölvorkommen (außerhalb des Nahen Ostens)

Verbrauch von Walenki (Filzstiefel)
Ca. 5 Mio. Paar jährlich

Von Moskau bis Peking mit der Transsib
6 Tage

Größte diplomatische Vertretung Deutschlands im Ausland
Über 300 Mitarbeiter (Deutsche Botschaft Moskau)

Vulkane in Kamtschatka
160 (davon noch 29 aktiv)

Dies und Das

Geographie

© Lothar Deeg

Russland ist das flächengrößte Land der Erde und umfasst elf Prozent der Weltlandfläche.

Der Ural bildet eine Art Trennlinie zwischen dem europäischen und asiatischen Teil des Landes.

Auch wenn Russland mit 8 Einwohnern pro km² nach Island augenscheinlich das am dünnsten besiedeltste Land Europas ist, muss diese Aussage relativiert werden. Fast 85% der Bevölkerung Russlands leben diesseits des Urals auf dem europäischen Teil, der knapp einem Viertel der Gesamtfläche des Landes entspricht. Somit ist die Bevölkerungsdichte, wenn nur der europäische Teil betrachtet wird, sogar höher als in Schweden. Im asiatischen Teil fällt die Bevölkerungsdichte jedoch stark ab und liegt beispielsweise im Nordosten oder im russischen Fernen Osten bei unter 1 Einwohner pro km².

Russland teilt sich in 83 Regionen (Subjekte der Föderation) auf, darunter auch die Exklave Oblast Kalingrad, welche vollständig von Litauen und Polen umgeben ist. Alle Föderationssubjekte unterscheiden sich stark in Größe und Einwohnerzahl sowie dem Sonderstatus, welchen nur 21 der Regionen haben.

Schon die geografischen Gegebenheiten verhindern, dass ein solches Riesenland und die Menschen, die darin leben, mit Standarddefinitionen erklärt werden können.

Natur

Die Natur Russlands ist vielfältig und erstreckt sich über fast alle Vegetationszonen, von der Tundra im Norden bis hin zu Wüstengebieten im Süden und großen Gebirgsgebieten im Osten.

Auf die karge Vegetation der Tundra, bestehend aus Flechten und Moosen sowie einer Schneedecke, welche durchschnittlicht 200 bis 270 Tage hält, folgt die größte Vegetationszone Russlands – die Taiga. Geprägt durch flächendeckenden Nadelwald, spielt die Taiga wirtschaftlich für die Holzgewinnung eine große Rolle. Auch ein Großteil der Bodenschätze liegt in den nördlichen Taiga-Gebieten. Die Mischwaldzone schließt im Südenwesten an die Taiga an und bildet ein sich verjüngendes Dreieck innerhalb des europäischen Teils Russlands. Die darauf folgende Waldsteppe ist die Übergangszone vom feuchten und kalten Waldklima zum trockenen und heißen Grasstreppenklima. Die ursprüngliche Artenvielfalt ist nicht mehr erhalten. Die Waldsteppenzone sowie die daran anschließende Grassteppe bieten gute Voraussetzungen für die Landwirtschaft. In der Wüstenzone hingegen ist die landwirtschaftliche Nutzung nur durch intensive Bewässerung möglich.

Tiere

Die an das arktische Klima perfekt angepassten Tierarten wie Polarfuchs, Polareule, Wolf und Rentier sind in der Tundra beheimatet. Besonders das Rentier ist als Nutztier von großer Bedeutung für die dort lebenden Menschen.

In den Nadelwäldern der Taiga nimmt die Artenvielfalt zu. Elche, Bären, Vielfraße oder auch vereinzelt Sibirische Tiger leben dort in freier Wildbahn, während in dieser Zone gleichzeitig auch die Vieh- und Pelztierzucht gut entwickelt ist. Dazu kommen in den Mischwäldern noch Wisents, Iltisse und im Fernen Osten außerdem Damhirsche, Ussuri-Tiger, Zobel sowie Braun- und Schwarzbären.

Zugvögel sind hauptsächlich in den Grassteppen Russlands zu finden.

Essen

Die russische Küche ist sehr fleischhaltig. Vegetarier haben es in Russland schwer, gut essen gehen zu können. Nach landläufiger Meinung gehören Fleisch oder Fisch einfach zu einer richtigen Mahlzeit, was gerne mit dem harten Klima und dem langen saisonalen Mangel an frischem Gemüse begründet wird. Eine gewisse Kompensation sind für Fleischverächter allerdings die beliebten Pilzgerichte, auf die man sich in Russland versteht – und die Fastenzeiten der orthodoxen Kirche, in denen manche Lokale auch ein spezielles fleischloses Menü anbieten. Beides rettet allerdings nicht vor einer anderen Eigenart der russischen Küche: Die Speisen sind in der Regel recht fettig.

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Tatsächlich eignet sich die traditionelle russische Küche nicht als Gourmet- oder Feinschmeckerküche. Gekocht werden meist einfache Gerichte, herzhaft und gern mit viel Fleisch – „Vegetarier“ ist praktisch ein Fremdwort. Wie jede nationale Küche verfügt auch die russische über ihr besonderes Markenzeichen, etwas, das zu keinem Gericht fehlen darf. In diesem Fall kommt praktisch kein Gericht auf den Tisch, das nicht mit „smetana“ (saure Sahne, Sauerrahm) verfeinert wurde und natürlich darf auch Brot („chleb“) nicht fehlen.

Russen würden wohl „pelmeni“ als ihr Nationalgericht nennen, kleine Teigtäschchen gefüllt mit Fisch, Fleisch, Pilzen, Kraut, Meeresfrüchten oder was man sonst mag. Schwäbische Maultaschen werden nach einem ähnlichen Prinzip hergestellt.

Auch russische Suppen sind köstlich und haben eine lange Tradition. (Der Holzlöffel hielt auf der russischen Tafel 400 Jahre vor der Gabel Einzug). Die noch am ehesten unserem Eintopf gleichenden russischen Suppen werden meist auf Fleischbasis hergestellt und mit smetana serviert. Sie sind daher durchaus sättigend.

Das Nationalgetränk der Russen ist – nein, nicht Wodka, sondern Tee. Ohne schwarzen Tee, so scheint es, können Russen morgens nicht in Gang kommen, tagsüber nicht arbeiten, mittags nicht essen, abends kein vernünftiges Gespräch führen und nachts nicht zu Bett gehen. Was den Wodka angeht, gibt es in Russland zwei goldene Regeln: Erstens trinkt man Wodka nie allein, zweitens nie ohne dazu wenigstens einen kleinen Happen (sakuska) zu essen.

Reisezeit

Russland hat die größte Klimavielfalt in der Welt: gemäßigt kontinentales, kalt kontinentales, polares, subpolares, subtropisches Klima. Die Durchschnittstemperaturen gehen von um die +1°C im hohen Norden bis hin zu +24°C im Süden des Landes.

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Reisezeit Moskau

In Moskau herrscht kontinentales Klima. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt 5 °C. Im Jahr fallen durchschnittlich 688 Millimeter Niederschlag, (zum Vergleich: in Berlin sind es 579 Millimeter), der meiste davon fällt im Juli, selten regnet es im März.

Im Winter liegt die Temperatur in Moskau meist bei –12 bis –15 °C. Temperaturen unter –20 °C sind keine Seltenheit. Der Frühling ist im Vergleich zu Deutschland noch relativ kühl. Der Sommer ist in der Regel warm und sonnig, mitunter aber auch sehr heiß und schwül. Temperaturen von über 35 °C sind nicht selten.

Die beste Reisezeit ist von Mai bis Oktober/November. Im Sommer kann man in Straßencafés sitzen und sich an den Stränden erholen. Aufgrund der Sommerferien ist es in den Monaten Juli und August aber auch überall recht voll. Für Besucher, die winterliche Temperaturen und blauen Himmel mögen, sind November bis April ideal. Die Kälte ist so trocken, dass man die hohen Minusgrade kaum merkt. Allerdings sollte man wissen, dass die Tage im Winter mit meist nur 3–4 Sonnenscheinstunden ziemlich kurz sind.

Reisezeit St. Petersburg

St. Petersburg erfreut sich eines maritimen Klimas, das eher mit Hamburg, als mit den meisten Regionen in Russland vergleichbar ist. Schaut man sich das Klima der beiden Partnerstädte an, hat die Temperaturkurve einen ähnlichen Verlauf. Im Sommer werden im Durchschnitt knapp 20 Grad erreicht, nur im Winter fällt das Thermometer in St. Petersburg einige Grad tiefer. Hier macht sich die russische Kontinentalität bemerkbar und zwischen Dezember und Februar sind Werte bis -30 Grad möglich. Im Juli und August ist auch die Niederschlagsmenge in Hamburg und St. Petersburg vergleichbar (knapp 80 mm), im Gegensatz dazu fallen die anderen Jahreszeiten – gerade auch der Frühling – in St. Petersburg wesentlich trockener aus als in Norddeutschland.

Religion

70% Orthodoxe, 14% Muslime, 1,4% Protestanten, 0,6% Katholiken, 0,5% Juden; Minderheiten von Buddhisten, u.a.; Anhänger indigener Religionen

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Jest ...? – Gibt es ...?

U was jestj ...? – Haben Sie ...?

Ja ischtschu ... –  Ich suche ...

Mnje nushno ... – Ich brauche ...

Dajtje mnje poshalsta ... – Geben Sie mir bitte ...

Gdje moshno kupitj ...? – Wo kann man ... kaufen?

Skolko stoit ...? – Wie viel kostet ...?

Gdje ...? – Wo ist ...?

Gdje nachoditsa ...? – Wo befindet sich ...?

Pomogitje mnje poshalsta! – Helfen Sie mir bitte!

Zdrastwujtje! – Guten Tag! (jede Tageszeit)

Na-zdarowje! – Zum Wohl! Prost!

Schtschot poshalsta! – Die Rechnung bitte!

Kauderwelsch Russisch, Band 7

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Botschaft der Russischen Förderation: www.russische-botschaft.de | www.rusemb.at | www.switzerland.mid.ru

Fremdenverkehrsamt: www.russlandinfo.de

Deutsche Botschaft: www.moskau.diplo.de

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de | www.bmf.gv.at | www.ezv.admin.ch

Dos and Dont's
  • Bekleidung: In orthodoxen Kirchen muss der Körper vollständig bekleidet und der Kopf mit einem Tuch bedeckt sein. Nackte Arme (z.B. T-Shirts) und Beine (Shorts) gelten als unschicklich. Im schlimmsten Fall wird der Eintritt in die Kirche oder Kathedrale verwehrt.
  • Fotografieren: Nach dem jahrzehntelangen Foto- und Filmverbot für Touristen ist es nun fast überall erlaubt, Fotos zu schießen oder zu filmen. In Museen, Kirchen und Klöstern muss man allerdings eine Fotogenehmigung kaufen. Manchmal ist jedoch das Fotografieren in Museen gänzlich verboten oder auch nur der Blitz. Regierungsgebäude, militärische Einrichtungen, Konsulate, Botschaften und Metrostationen dürfen nicht abgelichtet werden, schon gar nicht aus der Luft. Auf gar keinen Fall einfach einen Polizisten fotografieren, das bringt richtig Ärger. Auch auf den bunten Märkten ist das Fotografieren ebenfalls unerwünscht, da viele der Händler illegal auf den Märkten arbeiten und deshalb nicht abgelichtet werden möchten.
  • Aberglaube: Weit verbreitet ist der Aberglaube. Man sollte beispielsweise nie über einer Türschwelle die Hände schütteln oder den anderen in den Arm nehmen. Wenn man versehentlich auf den Fuß eines anderen tritt, sollte man sich nicht wundern, wenn dieser sich auf dieselbe Art und Weise revanchiert.
  • Begrüßung: Das Händeschütteln unter Geschäftsleuten ist eine neuere Entwicklung. Unter Freunden begrüßt man sich traditionell mit zwei, meistens drei Wangenküssen. Die Initiative liegt stets beim Gastgeber. Der Mann überlässt den Impuls zum Händeschütteln der Frau. Sonst nickt man nur kurz.
Exkurs: Die Matrjoschka

Kein Tourist verlässt Moskau, ohne mindestens eine Version des beliebtesten russischen Souvenirs im Koffer zu haben. Die russische Schachtelpuppe aus Holz mit dem unaussprechlichen Namen gehört zu Russland wie der Wodka oder der Samowar. Der Begriff matrjoschka kommt von dem russischen Wort matuschka (Mutter) und symbolisiert Fruchtbarkeit, Mutterschaft und im weiteren Sinn Mütterchen Russland. Sie ist eine Kreuzung aus einem klassischen russischen Osterei und einer japanischen kahlköpfigen Puppe, die sich aus insgesamt fünf ineinander gesteckten kleinen Figuren zusammensetzt.

Im Künstlerdorf Abramzewo außerhalb von Moskau erblickte die Matrjoschka 1890 das Licht der Welt. Ein Maler und ein Drechsler erfanden ein russisches Bauernmädchen bekleidet mit einem Sarafan, der russischen Frauentracht aus einem ärmellosen Oberteil und einer weiten Bluse. Spielzeug war seinerzeit eine Art Kulturgut, das große Kreativität erforderte und erlaubte. Auch heute noch werden die meisten Matrjoschkas von Hand gefertigt. Dabei spielt die Wahl des Holzes eine große Rolle. Am besten eignet sich weiches Linden- oder Birkenholz. Als Erstes wird die kleinste Puppe geschnitzt, dann die anderen.

Die eigentliche Kunst liegt aber in der Bemalung. Je hochwertiger ein Satz von Matrjoschkas ist, desto weniger unterscheiden sich die großen Puppen von den kleinen. Nach der Pariser Weltausstellung 1900 begann der Siegeszug der kleinen Bauernpuppe. Die Produktion wurde in die alte Klosterstadt Sergijew Possad, wenige Kilometer von Abramzewo entfernt, verlegt. Die Bolschewiken verboten die Produktion, da sie ihren künstlerischen und ideologischen Grundsätzen widersprach. Seit den 1990er-Jahren erscheinen alle nur denkbaren Figuren aus der modernen, globalisierten Welt plötzlich auf der erst 100 Jahre alten Puppe in der Puppe, die sogar bis zu 50 kleine Figuren enthalten kann. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Politikermatrjoschkas von Lenin bis Putin, amerikanische Baseballstars, Harry- Potter-Figuren oder die „Islamisten-Matrjoschka“ mit Hussein, Arafat und Bin Laden. Ein Ladenhüter ist die „Doppelmatrjoschka“ mit Medwedew und Putin als Konterfei.

(Exkurs aus: CityGuide Moskau, S. 38)

Exkurs: Zu Gast bei Russen? Ein kleiner Benimmkurs
  • Kommen Sie einigermaßen pünktlich, aber nie zu früh.
  • Die Minimalmitbringsel: Ein Blumenstrauß (nicht weiß, nicht gelb, Blumen in ungerader Anzahl) für die Dame des Hauses, eine Schachtel Pralinen – alternativ dazu geht auch eine Spezialität aus Ihrer Heimat oder eine Flasche Wein (unbedingt aus dem „Fernen Ausland“, kein GUS-Produkt!). Wein mitzubringen kann strategisch clever sein, wenn Sie nämlich keinen Wodka trinken wollen (s.u.). Sind Kinder im Hause, kaufen Sie noch was Süßes.
  • Sofern Sie nicht wissen, dass bei Ihren Gastgebern blanke Not herrscht: Keine Carepaketinhalte (Kaffee, Obst, sonstige Lebensmittel oder Alltagswaren) anschleppen. Wir haben nicht mehr 1990!
  • Achtung Aberglaube: Niemals an der Wohnungstür die Hand über die Schwelle reichen.
  • Ziehen Sie an der Garderobe unaufgefordert ihre Straßenschuhe aus (hoffentlich sind die Socken jetzt nicht löchrig). Man wird Ihnen Hausschuhe reichen. Damen können sich elegante Schuhe mitbringen und dafür ihre Schneestapfstiefel an der Wohnungstür parken.
  • Loben Sie die Gemütlichkeit der Wohnung, den Inhalt der Hausbibliothek, die Klugheit der Kinder (und schweigen Sie über Dinge, die Ihnen hier nicht gefallen). Begrüßen Sie auch freundlich Hund und Katze – man würde Sie sonst für gefühlskalt halten.
  • Der Tisch ist eingedeckt mit verschiedenen Salaten, Wurst, Käse, Hering, Oliven und Brot. Exotische Produkte sind unüblich. Alles, was auf dem Tisch steht, sind nur die Vorspeisen! Halten Sie soweit Maß, dass Sie beim Hauptgang (meist Fleisch oder Fisch mit Beilage) noch etwas Appetit haben. Den Rest besorgen dann ohnehin Eiscreme, Kuchen oder Torte.
  • In den meisten Salaten steckt Fisch oder Fleisch. Wenn Sie überzeugter Vegetarier sind, haben Sie jetzt verloren – sofern Sie ihre Gastgeber nicht rechtzeitig vorgewarnt haben. Das ist zwar auch etwas peinlich, aber doch weit weniger, als wenn Sie jetzt nichts anrühren würden. Führen Sie keine Moraldiskussion über Vegetarismus. Sagen Sie einfach, Sie vertrügen keine tierischen Fette.
  • Man wird Ihnen Wodka (oder den mitgebrachten Wein) einschenken.Lassen Sie gewähren. Der Gastgeber braucht ihn, um den ersten Toast (auf die Gäste und das Zusammenkommen) auszubringen.
  • Alkohol trinkt man nur gemeinsam nach den Trinksprüchen. Gegen den Durst bekommen Sie Saft oder Mineralwasser.
  • Sie sind nicht verpflichtet, IhrWodkaglas bei jedem Toast leerzutrinken. Ein Schlückchen, das dann wieder aufgefüllt wird, reicht auch.
  • Bloß nicht das Glas hinter sich werfen! Das hat sich Iwan Rebroff ausgedacht.
  • Wenn Sie keinen Wodka bzw. keinen Alkohol trinken wollen, gibt es nur zwei Killerargumente: „Ich bin mit dem eigenen Auto da.“ (sofern das stimmt) oder (mit toternster Stimme): „Mein Arzt hat mir strengstens verboten, (harten) Alkohol zu trinken.Wenn ich es tue, sterbe ich – und zwar qualvoll.“
  • Sie müssen sich mit ein, zwei Toasts revanchieren. Dazu gehört der Klassiker auf die Dame des Hauses, die all die aufgefahrenen Leckereien zubereitet hat. Für Herren in größerer Runde: Heben Sie Ihr Glas einmal auf die anwesende liebreizende Damenwelt insgesamt. Sie müssen bei Trinksprüchen nicht besonders geistreich sein (wenn doch, um so besser!) – der gute Wille zählt.
  • Nach Toasts stößt man an. Es sei denn, der Toast galt Verstorbenen.
  • Die Toleranzschwelle gegenüber körpergenerierten Geräuschen (wie „schneuz“, „pups“ oder „rülps“) liegt in Russland bedeutend niedriger. Auch wenn es schwer fällt: So gut es geht, unterdrücken und erst bei einem (vorgeschobenen) Toilettengang den Elementen ihren Lauf lassen.
  • Man wird Ihnen ständig die eine oder andere Speise anbieten. Zieren Sie sich nicht. Wenn Sie „Nein danke“ sagen, ist das noch nicht endgültig. Erst nach dem dritten Mal wird man es akzeptieren.
  • Seien Sie galant! Bieten auch Sie ihren Tischnachbarn (sofern es nicht die Gastgeber sind) Speisen an, wenn sich deren Teller leeren.
  • Nehmen Sie niemals das letzte Stück oder den letzten Happen einer Speise. Wenn man es Ihnen hingegen darreicht, zieren Sie sich, so gut Sie können!
  • Wenn nach dem Hauptgang Tee gereicht wird, ist dies ein Zeichen, dass der Abend zu Ende geht. Brechen Sie alsbald auf, auch wenn man Sie auf Knien zum Bleiben auffordert. Nur enge Familienmitglieder können noch bleiben.
  • Bestehen Sie nicht darauf, das Geschirr abzuwaschen! Die maximal zulässige Mithilfe ist, ein paar Teller zusammenzustellen und in die Küche zu tragen.
  • Verabschieden Sie sich herzlich! Loben Sie das leckere Essen und den angenehmen Abend. Damen bitte in den Mantel helfen. Und zeigen Sie etwas Gefühl – umarmen Sie ihre Gastgeber! „Do swidanija!“

(Exkurs aus: KulturSchock Russland, S. 279ff)

Exkurs: Museums-Babuschkas

Eine besondere, aussterbende Spezies Mensch ist die Museums-Babuschka in den typisch russischen Wohnhausmuseen. Es handelt sich um einen Frauentypus in den besten Jahren, meist um eine echte babuschka (Oma), die mit Argusaugen darüber wacht, dass der Besucher keinem noch so kleinen, liebevoll drapierten Bleistift auf dem Schreibtisch der betreffenden hoch verehrten russischen Geistesgröße zu nahe kommt. Sie achtet penibel darauf, dass jeder am Eingang Schlappen (tapotschki) über die Straßenschuhe zieht und den Mantel ordnungsgemäß an der Garderobe abgibt.

Mit strengem Blick überreicht sie dem Besucher in Plastikfolien gezwängte russische oder wahlweise englische Texte mit meist viel zu weit führenden Erläuterungen. Fortan weicht sie dem Besucher keinen Millimeter mehr von den Fersen, wobei dieser immer wieder gemustert und behelligt wird mit ausnehmend patriotischen Sätzen wie: „Er war ein großer Intellektueller“ – natürlich auf Russisch. In Sowjetzeiten wohl angesehen und gut bezahlt, hat sich die zum adeligen Inventar zu gehören scheinende Museumsangestellte ihre Hingabe zum russischen Kulturerbe bewahrt.

Kultur war Staatsangelegenheit, aber immer auch reglementiert. Sobald der Besucher etwas Unvorhergesehenes versucht, z. B. die Freundin vor einer der Vitrinen zu küssen, schnappt die Falle zu. „Hier darf nicht geküsst werden“, raunt es ernst aus dem Off. An der Schattenfrau ist auch äußerlich die Zeit vorbeigegangen, trägt sie doch immer noch mit Vorliebe hellgraue Filzstrickjacken und eine unmodische Hochsteckfrisur. In der Hand die unvermeidliche Lektüre, in die sie sich aber nur ungern vertieft. Es könnte ja etwas Unvorhergesehenes passieren.

Kauft man schließlich kein Andenken, wird man mit einem knappen „Do swidanja“ und mit dem Gefühl verabschiedet, die heilige Stätte nicht richtig gewürdigt und den berühmten Dichter oder Denker bei seinem Mittagsschlaf gestört zu haben. Ein „Wsewo Dobrowo“ (Alles Gute) bedeutet dem Besucher, dass er eher angenehm aufgefallen ist. Überboten wird der Gruß nur noch von „Prichodite jescho ras“ (Kommen Sie mal wieder). Aber auch im Anschluss daran wird man dem dogmatischen „Vergessen Sie nicht, die Tür zu schließen“ nicht entkommen. Die Sowjetunion lässt noch einmal grüßen, bevor man schlagartig mit dem Schließen der Eingangstür in das Moskau von heute katapultiert wird, in dem ganz andere Herausforderungen lauern.

(Exkurs aus: CityGuide Moskau, S. 76)

Alle Texte aus: CityGuide Moskau von Heike Maria Johenning, CityGuide St. Petersburg von Christian Funk und Aglaya Sintschenko, Reiseführer Transsib von Doris Knop, KulturSchock Russland von Lothar Deeg und Susanne Brammerloh.

Titelfoto: Lothar Deeg.