»Anstatt das Haben zu vermehren, vermindert er das Müssen; anstatt sich anzustrengen, um zu leben, lebt er, um sich nicht anzustrengen.«
(José Ortega y Gasset über den Typus des Andalusiers)

Spanien

Reino de España

Königreich Spanien

06:18 h | 0 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl:
46.647.000

Bevölkerungsdichte:
92 pro km²

Fläche:
504.645 km² (51)

Hauptstadt:
Madrid

Staatsform:
Parlamentarische Monarchie

Hauptsprachen:
Spanisch, Katalanisch/Valencianisch (regional), Galicisch (regional), Baskisch (regional)

Währung:
Euro

Nationalfeiertag:
12.10.

Ankünfte/Touristen:
57,7 Mio. pro Jahr

Flugdauer:
1.849,46 km ~ 2 1/3 h

Entfernung über Land:
2.316,10 km

Höchster Berg:
Pico del Teide mit 3718 m

Strände
Insgesamt 8000 km lang

Olivenöl:
produziert 44 % des gesamten Olivenöls

Spanisch:
329 Mio. Muttersprachler

Bananen:
Einzige Land Europas das Bananen produziert

© Izabella Gawin und Dieter Schulze

Dies und Das

Natur

Mit 660 m durchschnittlicher Höhe ist Spanien eines der gebirgigsten Länder Europas. Der größte Gebirgsteil entfällt auf die zentrale Meseta – ein von Flusstälern gekerbtes Tafelhochland, das drei viertel der Landesfläche einnimmt. Randgebirge begrenzen das Hochland. Im Norden riegelt das Kantabrische Gebirge das Hochland ab, im Osten das Iberische Randgebirge und im Süden grenzt die Sierra Morena. Offen ist nur der Westen, wo die Landschaften Altkastilien und Extremadura zu Portugal überleiten. Steil fällt schließlich alles Gebirge zum Mittelmeer ab. Schmal ist der flache Küstenstreifen entlang des Mittelmeeres. Auch die spanischen Inselgruppen (die Balearen und Kanaren) sind mehr oder weniger gebirgig.

Tiere

Durch die vielgestaltige Landschaft und entsprechende Klima- und Vegetationszonen konnte sich eine artenreiche Fauna entwickeln, die – gemessen an der Fläche – in Westeuropa wohl einzigartig ist. Die Eichen- und Buchenwälder beherbergen einen umfangreichen Rot- und Schwarzwildbestand, während man an den Felsküsten Galiciens Nistgebiete von Komoranen und Dreizehenmöven beobachten kann. Etwa 300 unter Schutz stehende Tierarten leben allein in der Region Andalusien, 14 davon kommen nirgendwo sonst in Europa vor. Sogar Wölfe konnten sich, trotz blindwütigen Jagdeifers im letzten Jahrhundert, noch einigermaßen behaupten. Im asturischen Nationalpark Somiedo findet sich sogar eine Minimalpopulation von bis zu zwei Meter großen Braunbären. Ein weiteres Highlight sind die Berberaffen, die als einzig freilebende Affenart Europas den Felsen von Gibraltar bevölkern.

Essen

© Izabella Gawin und Dieter Schulze

Der Spanier zeigt sich als ausgesprochener Konsum- und Genussmensch, der viel Wert auf gutes Essen legt und Investitionen ins leibliche Wohl als bestens angelegt empfindet. Wann immer es um Kulinaria geht, schaut man nicht auf den Cent und orientiert sich am Appetit – nicht am Preis. Spaniens Speisetafel verwundert ein ums andere Mal und zeichnet sich dadurch aus, dass man den Urgeschmack belässt und ausgesprochen salzarm ist. Obgleich jede Region ihre typischen Speisen pflegt, sind manche zu landesweiten Klassikern der einfach spanischen Küche erwachsen: die ursprünglich aus Valencia herrührende paella, die hochgradig sättigende tortilla de patatas (Kartoffelomelette), die viel verwendbaren miga (geröstete Brotwürfel) sowie der aus Andalusien stammende gazpacho.

Reisezeit

Manche mögen’s heiß und voller Leben, andere lieben den Schnee, wieder andere das grüne und blühende Frühjahr und noch andere die Farben und Stimmung im Herbst. Insofern kann die Frage der Reisezeit nicht einheitlich beantwortet werden. Hauptsaison ist natürlich der Sommer, was insbesondere in Nordspanien nicht zwangsläufig bedeutet, beengt am Strand zu liegen. Als gute Besuchszeit gelten insbesondere für Spaniens grünen Norden Frühjahr, Sommer und Herbst, wobei die Quecksilbersäule im Hochsommer bis auf 35 Grad steigen kann. Im Winter kann es insbesondere in den Höhenlagen Richtung Pyrenäen und Pico de Europa bitterkalt werden – ein Traum für Skifahrer.

Religion

In Spanien gehören über 90 % der Bevölkerung der katholischen Glaubensgemeinschaft an. Gesamtgesellschaftlich gesehen, sind allerdings regelmäßig praktizierende Katholiken stark in der Minderheit. Vor allen bei der Jugend liegt das Gottvertrauen darnieder. Darüber hinaus gibt es kleinere Religionsgemeinschaften, durch die Zuwanderung aus Afrika bedingt auch Muslime. Ebenfalls vertreten ist die suspekte Scientology-Organisation.

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Spanisch

ja, nein – sí, no
bitte – por favor
(Vielen) Dank – (Muchas) gracias
Keine Ursache – De nada
Guten Tag – Bueno días
Herzlich Willkommen – Bienvendio (zu einem Mann) / Bienvenida (zu einer Frau)
Wie geht es dir? – Cómo está?
(Sehr) gut – (Muy) bien
schlecht – Mal
Auf Wiedersehen – Adiós
Ich weiß nicht – No sé

 

Katalanisch

Vielen Dank – Moltes grácie
Guten Tag – Bon dia
Wie geht’s – Com va això?
Auf Wiedersehen – Adéu / adéu-siau
Entschuldigung – Perdó

 

Baskisch

ja, nein – bai, ez
Vielen Dank – Mila esker
Entschuldigung – Barkatu
bitte – mesedez
Guten Tag – Egun on
Wie geht’s? – Zer moduz?
Auf Wiedersehen – Ikusi arte
Gute Reise – Ongi joan

 

Mallorquinisch

Bitten (um etwas bitten) – per favor
Hallo – Hola / Uèp
Wie geht’s´? – Com anam?
Auf Wiedersehen – Adéu / Que vagi bé
Einverstanden – D’acord
Guten Appetit – Bon profit
Es tut mir sehr leid – Me sap greu

 

Kleine Sprachhilfe

Kauderwelsch Spanisch, Band 16
Kauderwelsch Spanisch 3 in 1
Kauderwelsch Katalanisch, Band 72
Kauderwelsch Baskisch, Band 140
Kauderwelsch Mallorquinisch, Band 124

 

Dos and Dont's

Kritisieren sie nicht alles, was von der deutschen Lebensform abweicht, sonst erwecken Sie einen eingebildeten und überheblichen Eindruck. Spanier reagieren dann zu Recht mit verletztem Stolz. Die Anrede „tú“ ist viel weiter verbreitet als das deutsche „du“. Eigentlich werden nur noch alte Leute und Autoritätspersonen gesiezt. Vermeiden sie es deshalb, zu oft „usted“ zu gebrauchen, denn damit vermitteln Sie ihrem Gesprächspartner ein Gefühl von unpersönlicher Distanz. Spanier knöpfen viel schneller Kontakte, als wir es gewohnt sind. Das kann man ruhig nachmachen und von sich aus anfangen, etwas zu erzählen. Allerdings empfindet man Leute als aufdringlich und besserwisserisch, die unaufgefordert gut gemeinte Ratschläge erteilen. Spanier neigen viel zu positiven Ausdrücken, auch wenn das für uns übertrieben oder unehrlich wirken kann. So bedeutet z.B. „muy bien“ (sehr gut) auch, je nach Stimmung des Sprechers, dass er etwas zwar versteht und akzeptiert, aber eigentlich eine ganz andere Meinung hat. Ein Spanier formuliert seine Wünsche meist als zaghaften Vorschlag oder Frage und erwartet, dass auch der Fremde nicht seinen Willen rücksichtslos durchsetzt und dem anderen aufzwingt. Es gilt als äußerst unhöflich und verletzend, einen Vorschlag rundheraus abzulehnen. Der Spanier sagt eher, er wolle mal sehen, was sich machen lässt, oder dass er es mal versuchen will. Das darf man dann aber nicht als Zusage auffassen.
Es ist nicht üblich, alles im Voraus auf die Minute genau zu planen oder zu Verabredungen pünktlich zu kommen. Wenn man abends ausgehen will, wird vorher meist nicht festegelegt, wer wann wohin geht, sondern man improvisiert. Planung wird oft als Einschränkung empfunden.
In Kirchen sind kurze Hosen, Miniröcke u. Ä. vielfach nicht zugelassen. Von Frauen wird auch erwartet die Schultern zu bedecken. Diese Vorschrift nicht zu beachten, gilt als Respektlosigkeit und kann einen Rausschmiss zur Folge haben.
Das geschriebene Wort gilt oft weniger als das Gesprochene. Es ist deshalb immer besser, jemanden zu fragen, der sich auskennt, als irgendeinem alten Dokument zu glauben. Die Bürokratie ist zwar sehr ausgedehnt, doch lässt sich in fast allen Situationen immer noch „etwas drehen“. Spanier schalten bei Behördenangelegenheiten „gestorías“, private Dienstleistungsagenturen, ein.

Exkurs: Sanfermines – Spaniens größte Fiesta

Wer sich mit Haut und Haar den Sanfermines hingibt, erlebt, wie ihn der mächtige Strudel der Fiesta mitreißt in einen Taumel aus Tanz und Trommelwirbel, in ein ekstatisches Erleben, bis die erschöpften Glieder zittern. 204 Stunden lang regiert der freudige Wahnsinn. Die Nacht wird zum Tag, getagt wird überall, unter freiem Himmel, ohne Pause. Heerscharen aus aller Herren Länder feiern bis zum Umfallen, kippen bis zum Umkippen. Viele kommen ohne Zimmer aus. Sie sacken schlichtweg dort zusammen, wo die Fiesta sie niederschlägt: auf den Plätzen, in den Parks, an den Stadtmauern. Der Trommelwirbel und die schrillen Flötenklänge der Musikgruppen holen sie alle wieder zurück ins Leben der Fiesta. Und die Wasserschläuche der Straßenreiniger natürlich auch ...

Pflichtprogramm an jedem Sanfermines-Morgen ist der encierro, die Stierhatz. Es gibt kaum jemanden, der sich nicht mit letzter Kraft und trotz des möglicherweise höllischen Kopfschmerzes dort hinschleppt. Beim encierro laufen sechs Kampfstiere samt Begleitochsen und Treibern morgens um acht Uhr knapp 850 m durch die Altstadt – und vor ihnen ein riesiger Pulk an Läufern, mozos, die vor den Hörnern davon sprinten. Der Galopp geht von den Stallungen an der Cuesta de Santo Domingo über den Rathausplatz und durch die Gassen Mercaderes und Estafeta bis zum Einlauf in die Arena und in die hinterliegenden Stallungen. Das Rund wird in der Regel nur gekreuzt, dann werden die Tore geschlossen, der encierro ist vorbei. Das Stiertreiben ist die Attraktion der Sanfermines, live übertragen vom spanischen Fernsehen und mit Zeitlupen der dramatischsten Szenen. Entlang jener Strecke warten sage und schreibe 20 Rotkreuz- Teams auf Arbeit – und die steht immer an. Durchschnittlich 28 Jahre soll er alt sein, der – will man das folgende Wort in dem Zusammenhang gebrauchen – „normale“ encierro-Läufer. Es gilt, sich möglichst lange vor den Hörnern zu halten, das gibt den allergrößten Kick. Allerdings schafft man es angesichts der oftmals betrunkenen Mitläufer und der Stiergeschwindigkeit – 100 m schaffen sie locker in 11 Sekunden – kaum über eine Distanz von mehr als 50 m. Die Motivation der Läufer erklärt sich aus dem Bestreben, die Angst zu überwinden, sich selbst zu beweisen und sagen zu können „Ich habe es geschafft!“ Man spürt die innerliche Genugtuung, den Triumph oder – in weniger erfolgreichen Fällen – einfach das Horn im Bauch. Schließlich hat es bei den encierros auch schon Todesfälle gegeben. Zwischen den encierros gibt es Konzerte, Tanz und Umzüge rund um die Uhr, Jahrmarkt, Folklore, Feuerwerk und natürlich den für viele unsäglichen Stierkampf. Überall klebt der Asphalt in Pamplona, Gerüche durchziehen die Stadt: nach Wein, Vieh und viel, viel Volk. Für Stimmung allerorten – ob um drei Uhr nachts, um sieben Uhr morgens oder um die Mittagszeit – sorgen die peñas, die Clubs aus Freunden. In verschiedenen Abordnungen und Schichten ziehen sie mit Pfeifen, Trommeln, Pauken und Trompeten durch die Innenstadt und sorgen bei all den Tänzern und Fiestafeiernden in ihrem Sog für eine Woge der Begeisterung. Peñas – von bösen Zungen schon als wild gewordene Dorfkapellen tituliert – hört man nicht nur, man erkennt sie auch an ihren Transparenten, die zwei Helfer unablässig mitschleppen, und an Sangría-Trägern. Mit kleinen Mengen Sangría geht gar nichts, nein, manche schleppen sogar komplette Plastikeimer mit – für den kleinen Durst zwischendurch.

Die geschichtlichen Wurzeln der Sanfermines reichen ins Mittelalter zurück und gründen sich auf drei Säulen: die religiösen Akte zu Ehren des heiligen Fermín ab dem 12. Jh., die von königlicher Seite protegierten Handelsmärkte vom 14. Jh. an und den ebenfalls auf jenes Jahrhundert zurückgehenden Beginn der Stierkämpfe. Fermín, Namensgeber der Fiesta, lebte zu römischen Zeiten, stammte aus Pamplona, reiste später nach Gallien, um seinen Glauben zu vertiefen, wurde Bischof und endete als Märtyrer in Amiens. Einige Historiker geben sein mutmaßliches Sterbejahr mit 287 an, andere verweisen auf den Beginn des 4. Jahrhunderts. Gesichert ist, dass die Reliquien des heiligen Fermín 1186 nach Pamplona überführt wurden. 1591 war Pamplona erstmals Schauplatz der Sanfermines. Zu jenen Zeiten wurden die außerhalb der Stadtmauern angekommenen Stiere von den Hirten in die Stadt zur Stätte des Stierkampfs getrieben – der ureigene Sinn des encierro.

Der Stierkampf war seinerzeit ein wildes Gestochere auf der zentralen Plaza, doch viele der Tiere überlebten – im Gegensatz zu heute, wo hinter den Kulissen der Arena beim ungleichen Töten auf Raten Fleischerriege und Kühlwagen auf die sechs Kampfstiere des Abends warten. Zwischen encierro und Stierkampf liegen die letzten zehn Stunden im Leben der Kolosse, die sie in den Ställen der Arena verbringen. Aus deutscher Sicht unverständlich, dass sich die Spanier an dem grausamen Gemetzel begeistern können. Der Stierkampf, die allabendliche corrida, ist bei den Sanfermines ein richtiges Happening. Wer hingeht, nimmt flüssige und feste Nahrung mit, am besten Sangría- Eimer und volle Picknickkörbe. Sogar Tischgrills für Koteletts und Sardinen sind schon gesichtet worden. Die Tradition auf den Rängen besagt: Nach dem dritten toten Stier packt man Brote aus, verteilt heiße Suppe oder frischen Schmorbraten unter den Freunden. Auch Fremde werden gelegentlich mitverpflegt. Man kaut und trinkt und steigert den Weinkonsum. Besondere Stimmung herrscht natürlich unter den peñas. Allmählich gerät der Stierkampf zur Nebensache – deswegen kommen die Toreros ungern nach Pamplona.

Am 14. Juli, dem letzten Tag von encierro und corrida, gehen die Freunde der Fiesta entkräftet und übernächtigt in die letzte Runde. Ein letztes Mal bäumen sie sich auf und singen und tanzen und jubeln alles aus sich heraus. Kurz vor Mitternacht drängen sich die Massen auf dem Rathausplatz und der Plaza del Castillo. Nach den mitternächtlichen Glockenschlägen werden Tausende, vielleicht Zehntausende von Stimmen zu einer Einheit. Kerzen werden gen Himmel gehoben. Es erklingt das Abschiedslied „Pobre de mí“, das man ein ums andere Mal bis zur krächzenden Heiserkeit anstimmt: Pobre de mí, Pobre de mí, que se han acado las fiestas de San Fermín – „Ich Unglücklicher, ich Unglücklicher, die Feiern von San Fermín sind zu Ende!“ Bei derartiger Traurigkeit treibt es manchen wirklich die Tränen in die Augen. Der Trost ist knapp 360 Tage fern: die Sanfermines im nächsten Jahr ...

In den letzten Jahren hat das Image der Fiesta gelitten und lässt immer mehr Einheimische einen Bogen um das Volksfest machen. Die Massenbesäufnisse sind unkontrolliert, übelste Ballermann-Typen fallen in die Stadt ein, Betrunkene pinkeln und erbrechen sich in die Hauseingänge, bei Drogenhandel und -konsum auf offener Straße hält sich die Polizei unverständlicherweise zurück. Übel außerdem für Gäste: Die Unterkunftspreise sind noch astronomischer geworden.

Exkurs: Ein Drachentöter, eine Rose und ein Buch nur in Barcelona

Der Tag des Drachentöters ist zugleich der Tag der Liebenden. Am 23. April wird nämlich nicht nur an den heiligen Georg, auf Katalanisch: Sant Jordi, den Schutzpatron von Barcelona gedacht. An diesem Tag schenken sich Freunde, Verwandte und Liebende nach alter Sitte ein Buch und eine Rose. Wie diese beiden Daten zusammengewebt wurden, ist nicht ganz klar. Um Sant Jordi und seinen Kampf gegen einen Drachen ranken sich verschiedene Legenden, seit 1456 gilt er jedenfalls als Schutzpatron von Barcelona. Buch und Rose kommen erst sehr viel später ins Spiel. Anfang des 20. Jh. wollte man einen Feiertag zu Ehren des Schöpfers von Don Quichote, Miguel Cervantes und ganz allgemein der Literatur schaffen. Aber wie das so ist, man verheddert sich in Gremien und Daten, bevor der 23. April als Ehrentag des Buches festgelegt wurde. Zufälligerweise der Todestag von Cervantes. Und die Rose? Die verschenkten die Katalanen schon immer, als Zeichen der Zuneigung und um den Frühling zu begrüßen.
Heute fällt nun alles zusammen und hat sich zu einem dicken Geschäft entwickelt. Mittlerweile werden zum 23. April genauso viele Umsätze erzielt wie zu Weihnachten. Manche Verlage planen ganz gezielt das Erscheinen eines möglichen Bestsellers zu diesem Termin. 1995 erklärte die UNESCO diesen Tag sogar zum Welttag des Buches. Irgendwie ein würdiges Datum, ist er doch nicht nur der Todestag von Cervantes, sondern auch noch von Shakespeare

Exkurs: Cobrador del Frac

Sie kommen im Frack, Zylinder und polierten Lackschuhen. Ihr Name: „cobrador del frac“. Der Kassierer im Frack ist der Schrecken zahlungsunwilliger Schuldenmacher. Er ist letzte Instanz, Namensgeber und zugleich die Hauptattraktion einer florierenden Firma, deren Dienstleistung im Eintreiben von Schulden besteht. Dank massiver Werbung ist der befrackte Herr bekannt wie ein bunter Hund. Filialen gibt es inzwischen in ganz Spanien, aber auch in Lissabon oder Paris. Der Schlüssel zum Erfolg ist denkbar einfach. Wer vom Frackmann aufgesucht wird, ist bei Nachbarn und Geschäftspartnern als Schuldenmacher entlarvt. Und vorzugsweise erscheint er dort, wo es der Zielperson garantiert am allerpeinlichsten ist: im Sportklub, vor der Haustür mit schwarzem Wagen und deutlicher Aufschrift, in der Stammbar oder auf der Geburtstagsfeier, je nachdem was private Ermittler zuvor über die Lebensverhältnisse des „Opfers“ herausgefunden haben: Das Geschäft mit der Scham rentiert sich: 60 Prozent der bearbeiteten Fälle, so die Firmenleitung, enden mit dem Eingang eines Schecks. Das Dienstleistungsunternehmen besteht allerdings nicht nur aus den befrackten Herren. Zunächst wird eine ganze Horde von Wirtschaftsfachleuten, Rechtsexperten, Psychologen und Schnüfflern auf die säumigen Sünder angesetzt. Erst wenn alle Verhandlungen zu keinem Erfolg geführt haben, geraten die Zahlungssäumigen auf die Besuchsliste der Männer im Frack, oft ehemalige Wachleute.

Aus: Kulturschok Spanien von Andreas Drouve, Fahrradführer Europa von Herbert Lindenberg, Nordspanien und der Jakobsweg von Andreas Drouve, Andalusien von Petra Neukirchen und Wolfgang Bauer, City Trip Barcelona von Hans-Jürgen Fründt, CityTrip Madrid von Tobias Büscher.

Uhrzeit und Temperatur: Madrid

Titelbild: © Wolfgang Bauer / Petra Neukirchen