Erst nach längerer Reise erkennt man, wie weit der Weg ist.
(vietnamesisches Sprichwort)

Vietnam

Cộng hoà Xã hội Chủ nghĩa Việt Nam
Volksrepublik Vietnam

13:48 h | 19 °C

Das Land in Zahlen

Einwohnerzahl:
91.519.289 (14)

Bevölkerungsdichte:
268 pro km²

Fläche:
331.114 km² (Weltrang 65)

Hauptstadt:
Ha Noi (Hanoi)

Staatsform:
Sozialistische Republik

Hauptsprachen:
Vietnamesisch

Währung:
Dong (D)

Nationalfeiertag:
02. September

Besucher/Touristen:
6 Mio. (2011)

Flugdauer:
8716,49 km ≈ 11 Std.

Entfernung über Land:
12.964 km

Phong Nga
längstes unterirdisches Fluss-System (65 km)

Schuhproduktion
850 Mio. Paar (2011)

Schifffahrtswege
47.130 km (Weltrang 4)

Alphabetisierungsrate
93.4%(2011)

Motorräder auf den Straßen
täglich ca. 10 Mio.

Beliebtester Nachname
Nguyen, mehr als 30 Mio.

Export von Cashew-Nüssen
150.000 Tonnen (2012)

Dies und Das

Natur

© Hella Kothman und Wolf-Eckart Bühler

Wer einmal ein Tet-Fest in Vietnam miterlebt hat, wird das Land als ein einziges Blumenmeer in Erinnerung behalten. Die Vietnamesen lieben Pflanzen und Bäume aller Art, ob sie ihnen unmittelbaren „Nutzen“ bringen oder nicht. Beim Anflug auf Hanoi schweift der Blick meilenweit über monotone Agrarflächen, aus denen die Dörfer wie kleine, von Bambushecken eingefriedete botanische Gärten herausragen, durchzogen von den Grün-Oasen der Obstbäume und Gemüsebeete. Im Süden und im Zentrum umgeben meist schützende Palmenhaine und Kakteenhecken die Dörfer.

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Ursprünglich waren mehr als zwei Drittel der Landfläche Vietnams mit tropischem Wald bedeckt, auf dem pro Quadratkilometer bis zu 150 verschiedene Baumarten stehen können (in Mitteleuropa entfallen auf die gleiche Fläche lediglich 8–10 Arten). Einheimische Wissenschaftler schätzen, dass im amerikanischen Vietnamkrieg ca. 2,5 Mio. Hektar Waldland und über ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fluren des Landes verloren gingen, als direktes Resultat der Bombenabwürfe, der Landrodung durch Panzer, des Einsatzes von Napalm und des Entlaubungsmittels Agent Orange. Nahezu ein Drittel des Landfläche (wenn auch nicht immer auf den ersten Blick erkennbar) gilt seitdem als Brachland, das nur noch zur Viehhaltung und zum Anbau bestimmter industrieller Kulturen Verwendung finden kann.

Dennoch beherbergen Vietnams Wälder nach wie vor einen unschätzbaren Reichtum an verschiedenen Spezies. Mehr als 13.000 Pflanzen, davon über 7000 Großpflanzen, 800 Moosarten und über 600 Pilz und Schwammarten wurden bisher bestimmt.

Tiere

Aufgrund der Längenausdehnung (mehr als 1600 km über 16 Breitengrade hinweg) und der äußerst unterschiedlichen klimatischen und geografischen Gegebenheiten zeichnet sich Vietnam durch eine extrem hohe und z.T. einzigartige Diversität an Tierarten und genetischen Ressourcen aus. Im weltweiten Vergleich gilt Vietnam heute unbestritten als „einer der Hot Spots der Biodiversität“. Zahlreiche Arten werden zudem als endemisch eingestuft, d.h. sind ausschließlich in Vietnam zu finden.

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Von den 49 endemischen Vogelarten Indochinas z.B. hat Vietnam 33, davon 11, die einzig und allein in Vietnam vorkommen. Sensationelle Entdeckungen von Spezies, die selbst in Vietnam bereits als ausgestorben galten, wurden nach 1990 vor allem in den entlegenen Regenwäldern des Hoang-Lien-Son-Gebirges im Nordwesten (Provinz Lai Chau) gemacht, wo seltene Arten lange beinahe im Verborgenen überleben konnten. 1994 entdeckte man in der Region von Vu Quang, in der Nähe der laotischen Grenze (Provinz Ha Tinh), eine bis dato völlig unbekannte Säugetierart, das sog. Vu-Quang-Wildrind, eine ziegen- bis hirschähnliche Huftiergattung mit langem, scharfem Gehörn.

Essen

© Hella Kothman und Wolf-Eckart Bühler

Schaut ein unbedarfter Beobachter Vietnamesen beim Essen zu, könnte er glauben, Essen sei ein Wettbewerb im Reisschaufeln. Erst nach längerer Beobachtung und vielen gemeinschaftlichen Mahlzeiten wird er zu der Erkenntnis gelangen: Essen in Vietnam ist mehr als nur Nahrungsaufnahme, Essen ist eine Weltanschauung. Ein kulturelles Erlebnis, ein Vergnügen, eine Wissenschaft für sich. Jedem Fleisch, jedem Gemüse, jeder Flüssigkeit werden bestimmte Eigenschaften zugesprochen. Das eine ist gut für die Verdauung, das andere für die Leber, wieder ein anderes regt den Kreislauf an, stärkt das Herz oder erhöht die Potenz; die eine Frucht macht warm, die andere kühlt die Körpertemperatur. Essen sollte immer ausgewogen sein, die Dualität von yin und yang ausgleichen.

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Einfache Tellergerichte:

Reis heißt com. Com dia ist ein Teller Reis mit Sauce, Gemüse und Kräutern sowie Fleisch oder Fisch (was gerade da ist). Com phan ist im Grunde das gleiche, nur dass die Beigaben separat gereicht werden, sodass Com Phan immer eine Spur teurer ist.

Sehr populär ist com suon, Reisteller mit Schweinerippchen.

Fried Rice dagegen ist meistens eine Enttäuschung und längst nicht so gut wie sonst in Südostasien, im Süden heißt er com chien, im Norden com rang.

Mi sind gelbe, aus Mehl und Eiern bereitete Nudeln, bun sind weiße Reisnudeln. Glasnudeln, mien, finden nur in Suppen oder als Füllung Verwendung.

Wirtschaft

Gemessen an Wachstumsraten von rund 7 % seit 1991 zählt Vietnam zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, übertroffen nur von China! Ja, Vietnam wächst und wächst, aber von Null konnte es nur in eine Richtung gehen – berg auf. Wie steil bergauf, hat die Welt allerdings verblüfft. Eine echte Erfolgsgeschichte ist der Außenhandel – Steigerungsraten von jährlich 30 % erreicht weltweit nur noch China. Es sind aber nur bedingt vietnamesische Waren, die hier ausgeführt werden – annähernd die Hälfte der Exporte sind Produkte ausländischer Firmen, die sich Vietnams günstiger Arbeitskräfte bedienen: Schuhe für Adidas, Hemden für Ralph Lauren, Tische für Ikea, Drucker für Canon, Handys für Nokia, Chips für Intel, PCs und Smartphones für Samsung.

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Einen dramatischen Aufschwung hat seit Mitte der 1990er Jahre die Produktion von Textilien, Kleidung und Lederwaren genommen, die zusammen genommen bereits den Löwenanteil von Vietnams Exporterlösen (2005: 7,8, 2011: 20,5 Mrd. $) ausmacht. Gut die Hälfte der verarbeitenden Betriebe sind allerdings reine Auslandsinvestitionen. 2011 stellte Vietnam über 850 Mio. Paar Schuhe im Wert von 6,5 Mrd. $ her (u.a. im Auftrag von Branchenriesen wie Nike oder Adidas) und stieg damit zum viertgrößten Schuhfabrikanten der Welt (nach China, Hong kong und Italien) auf.
Die Rohölförderung bildet seit 1987 eine der bedeutendsten Einnahmequellen des Landes. Mangels Raffinerien muss die staatliche Ölgesellschaft den größten Teil der Fördermenge (2010 8,6 Mio. t) jedoch exportieren und die Derivate (Treibstoffe, Dünger) teuer wieder einführen. Erst die Einweihung der ersten eigenen Erdölraffinerie 2009 (bei Quang Ngai) und der Ausbau der Gasindus trie haben die Lage etwas entspannt.
Die starke Abhängigkeit vom Export agrarischer Produkte (Reis, Kaffee, Tee, Kautschuk, Fischereiprodukte) macht das Land extrem verwundbar für Preisschwankungen auf den globalen Märkten.

Reisezeit

Generell sind zwar die Wintermonate zwischen Dezember und März am ehesten vorzuziehen. Aber auch während der Regenzeit zwischen Juni und August (die Ferienzeit der Vietnamesen) ist das Klima durchaus annehmbar. Es regnet in der Regel maximal 1 oder 2 Stunden am Tag, zumeist am späten Nachmittag oder frühen Abend, untertags ist es oft heiter. Im Prinzip kann man Vietnam das ganze Jahr über bereisen. Da im Norden subtropisches und im Süden tropisches Klima herrscht und die Monsune die einzelnen Landesteile zu ganz unterschiedlichen Zeiten bestreichen, sind die regionalen Unterschiede allerdings groß.

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Die einzigen Monate, die wirklich ungünstig sind, sind Oktober und November. Im Zentrum toben Taifune, und heftige Regenschauer können sämtliche Verkehrsverbindungen für Tage lahm legen. Im Süden ist es bedeckt und regnerisch, und das Mekong-Delta kann unter Wasser stehen. Andererseits ist der November der ideale Monat für den Norden und speziell für eine Tour durch das Bergland des Nordens – nicht zu heiß und feucht, aber auch nicht so kühl wie speziell im Januar und Februar.

 

 

© Hella Kothman und Wolf-Eckart Bühler

Religion

Ca. 50 % Buddhisten, ca. 10 % Christen, ca. 3 % Hao Hao, ca. 3% Daoisten

Tipps

Wörter die weiterhelfen

Nicht mit dem Namen der Hotels selbst zu verwechseln sind die verschiedenen vietnamesischen Bezeichnungen für „Hotel“:

khaùch saïn
Gast Stein
Hotel

nhaø khaùch
Haus Gast
Hotel,  Gasthaus

nhaø nghæ
Haus Ruhe
Hotel, Pension

phoøng trôû
Zimmer Verweilen
Fremdenzimmer


Kleine Sprachhilfe
Kauderwelsch Vietnamesisch, Band 61

Links die weiterhelfen

Einreisebedingungen: www.auswaertiges-amt.de | www.bmaa.gv.at | www.eda.admin.ch

Deutsche Botschaft: www.hanoi.diplo.de

Tourismusministerium: www.vietnamtourism.com.vn

Botschaft/Visum: www.vietnambotschaft.org | www.vietnamembassy-austria.org | www.vietnamembassy-switzerland.org/vi

Reise- und Gesundheitsinformationen: www.crm.de

Einführ- und Ausfuhrbestimmungen: www.zoll.de | www.bmf.gv.at | www.ezv.admin.ch

Dos and Dont's

Gesicht wahren: Oberstes Gebot: Gefühle werden nicht gezeigt, sondern mit einem Lächeln überspielt. Auch wenn der Fremde noch so sehr in Eile ist, Vietnamesen, geschweige denn Polizisten oder Beamte, lassen sich von arrogantem Auftreten, ungeduldiger Drängelei, Besserwisserei oder gar Geschrei nicht beeindrucken. Man wird nur „sein Gesicht verlieren“, die Wartezeit um so mehr verlängern und wahrscheinlich sogar unverrichteter Dinge abziehen müssen.

Gesten: Ebenso wie es nicht angebracht ist, Ärger zu zeigen oder laut und aggressiv zu werden, verlangt auch die Körpersprache Zurückhaltung. Man gestikuliert nicht beim Reden, deutet nicht auf Gegenstände oder Menschen mit dem Finger, steigt nicht über Sitzende hinweg und vermeidet, dass die Fußsohlen auf den Gesprächspartner zeigen. Mit einer ruhigen Bewegung der ganzen Hand (Handrücken nach oben) winkt man jemand, z.B. einen Kellner, heran, mit einer drehenden Handbewegung wehrt man ab.

Geschenke: Mit kleinen Geschenken wird man immer Freude bereiten, nur: Was schenkt man denn eigentlich? Denn kaufen kann man ja (fast) alles. Eine Spezialität aus dem Ausland, etwas, das es in Vietnam nicht gibt, kommt immer gut an. Freunde kann man fragen, ob sie (Fach-)Bücher, Kosmetika, Medikamente benötigen, man wird es offen sagen. Bei einer Essens einladung sind wie bei uns Blumen, Getränke, Süßigkeiten angebracht. Geschenke sollten verpackt, Geld im Kuvert übergeben werden. Dass man sie nicht sofort nach Erhalt auspackt, ist keine Ignoranz, sondern gehört zum guten Ton.

Exkurs: Mua Roi Nuoc (Wasserpuppentheater)

Wasserpuppentheater gehört heute zum Pflichtprogramm jedes Hanoi-Besuchers. Der „Tanz der Marionetten auf dem Wasser“, eine schon seit dem 10. Jh. im Delta des Roten Flusses existierende Kunstform, war fast ausgestorben, bis ausgerechnet der Tourismus die Wiederbelebung dieses einzigartigen Puppenspiels einleitete. Heute reist die Truppe des Hanoier Thang- Long-Theaters von Festival zu Festival. Das Verfahren ist einfach: Man benötigt eine Wasserfläche, es kann auch ein überflutetes Reisfeld sein, und aus dem Holz des Feigenbaums geschnitzte und bemalte Figuren. Heutzutage stehen die unsichtbaren Puppenspieler statt im Dorfteich auf einer Bühne hüfttief im Wasser. Durch eine Bambuswand verborgen lassen sie die beweglichen bis zu 70 cm großen Puppen scheinbar ohne jede Anstrengung die unglaublichsten Bewegungen ausführen. Einkomplizierter Mechanismus von Fäden, Seilzügen und Bambusstangen macht es möglich. Am faszinierendsten für den Zuschauer ist die Leichtigkeit und Wendigkeit, mit der die auf den ersten Blick plump erscheinenden Figuren in und auf dem Wasser agieren.

Exkurs: Heimarbeit einer Familie

Die Familie von Trúc näht in Heimarbeit Brillenetuis. Fünf der acht Kinder, darunter ein verheirateter Sohn mit seiner Frau, leben bei den Eltern. Diese sind bereits im Rentenalter und haben nicht mehr die Kraft, schwere Arbeit zu leisten. Der Vater verbringt den Tag mit kleinen Reparaturen im Haus und Besuchen in der Nachbarschaft. Die Mutter kocht für alle. Die halbwüchsigen und erwachsenen Kinder gehen zum Teil einer Beschäftigung außer Haus nach, zum Teil haben sie bisher keine Arbeit gefunden. Die zwei Jüngsten besuchen die Schule. Das Haus hat eine Grundfläche von ca. 30 qm. Es ist einstöckig, aber recht hoch gebaut, sodass eine Zwischendecke aus Holz eingezogen werden konnte. In der oberen Etage schläft ein Großteil der Kinder. Das junge Ehepaar erhielt eine Ecke im hinteren Teil des Erdgeschosses abgetrennt. Der Rest der Wohnung besteht aus einem Bett für die Eltern, das tagsüber als Sitzgelegenheit von allen genutzt wird, einer Glasvitrine mit Farbfernseher und einem Teetisch mit zwei Holzsesseln. In der Mitte des Raumes steht die Nähmaschine mit Fußantrieb. An ihr arbeiten fast rund um die Uhr die Töchter der Familie. Sie lösen einander ab, eine schneidet zu, eine andere näht. Als ich zu Besuch erscheine, grüßt die „diensthabende Näherin“ freundlich, ohne dabei ihre Arbeit zu unterbrechen. Sie hört dem Gespräch zwischen dem Gast und ihrer Schwester neugierig zu, schaut aber nicht mehr auf. Das Nesthäkchen, ein zierliches Mädchen von 12 Jahren, schneidet die Faden enden und stapelt die sich unter der Nadel hervorschiebenden Etuis neben der Maschine. Die Kleine sieht zu oft nach der Tây und bummelt. Eine Schlange von aneinander hängenden Etuis gleitet bis zum Boden. Das Mädchen wird ermahnt und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Jedes Familienmitglied, das gerade frei hat, hilft mit, die genähten Etuis von links auf rechts zu drehen. Zwei Brüder bringen die fertige Arbeit zum Auftraggeber. Nur bei pünktlicher Ablieferung ist der Nachfolgeauftrag gesichert.

Aus: Reiseführer Vietnam Wolf-Eckart Bühler und Hella Kothmann, Kulturschock Vietnam von Monika Heyder

Uhrzeit und Temperatur: Ha Noi

Tittelbild: © Jutta Berrang